De

SERGE VAN DUIJNHOVEN

Schriftsteller, Historiker, Performance Künstler

* 10.09.1970, Oss, Niederlande
lebt in: Brüssel, Belgien

Serge van Duijnhoven wird 1970 in der niederländischen Stadt Oss (Niederlande) geboren. Er wächst auf in Nord-Brabant, arbeitet in Frankreich und geht zwischenzeitlich in Amerika zur Schule.1989 beginnt er in Amsterdam ein Studium der Geschichte. Mit 22 Jahre debütiert er mit dem Gedichtband ‘Het paleis van de slaap’ (der Palast des Schlafs) und gründet mit einer Gruppe Künstlern und Theatermachern das Magazin ‘MillenniuM’ (De Bezige Bij Verlag).

1993 veröffentlicht er eine mini-Biographie des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie (Mets 1993). Später erscheinen sein Roman ‘Dichters dansen niet’ (Dichter tanzen nicht), von Kritikern umschrieben als der erste echte House-Roman, der Sammelband ‘De overkant en het geluk’ (die andere Seite und das Glück) und ein zweiter Gedichtband, ‘Copycat’.

Mit dem Rapper Def P. und dem Dichter/Saxophonist Olaf Zwetsloot bildet er das Kollektiv ‘De Spooksprekers’ (die Spuksprecher). Ihre CD ‘Eindhalte Fantoomstad’ (Endstation Phantomstadt) wird nominiert für den Heineken Cross Over Award 1997.

Serge van Duijnhoven schließt 1995 sein Studium ab und geht nach Sarajevo, wo er einige Wochen bleibt. Nach seiner Rückkehr lebt er einige Jahre in Gent (Belgien).

 

In den Niederlanden und Belgien hat Serge van Duijnhoven den Ruf eines dickköpfigen Dichters: Der exzentrische Performer stürmt schon gern mal die Bühne, wie während der Nacht der Poesie in Utrecht, und plädiert gegen eine elitäre Arterienverkalkung der niederländischen Poesie. Serge van Duijnhoven stellt seine Stimme gern gegen den hohen Kammerton der Literatur und arbeitet am liebsten mit Musikern zusammen. Vier Romanen und drei historische Buchwerke hat er auch geschrieben. ”Dichters dansen niet“ heißt sein erster Roman aus 1995. Aber von wegen nicht tanzende Dichter: Inzwischen ist “Dichters Dansen Niet“ eine Art Lyrik-Pop-Band, mit dem belgischen Fred de Backer und viele internationale Musiker (Uli Sobotta aus Bremen, Ali Haurand aus Viersen, Sainkho Namtchylak aus Tuva) die in ihrem Musik-Studio in Bruessel oder live auf die Buehne, die Klanglagen fuer die Worte und die Musik versorgen. Dichters Dansen Niet: ein Lyrisch/Musikalisches Gesellschaft, bei dem es richtig abgeht. “Ein Großteil der Stücke ist duester, shamanistisch und hypnotisch, oft  auch sehr energetisch und manchmahl sogar richtig tanzbar. Da merkt man sofort, dass Fred de Backer ein bekannter DJ ist und Van Duijnhoven ein Klang-Zauberer. Ein schönes Spiel ist es die beide auf die Buehne zusammen zu  sehen, die kennen einander durch und durch und formen ein sehr hechtes,  fast kompromissloses Paar.“

Auf der Bühne sorgt “DDN“ immer fuer eindrucksvolle Performances: sie verbindet moderne Poesie mit experimentellen Rhythmen und Klängen – Lyrik für alle Sinne. Lebendiger, sehnsuchtsvoller poetischer Törn zu den Ufern des Lebens – und des Todes. Es ist Jazz, Chanson, Lautpoesie, Ton-Collage, Klangexperiment, Poesiemusik. Serge van Duijnhoven hält nicht viel vom hohen Kammerton der Literatur. Er stürmt schon mal die Bühne, um gegen elitäre Arterienverkalkung in der niederländischen Poesie zu protestieren. Er schaut sich in den anderen Künsten um und verschmilzt seine Texte mit Musik und Bild zusammen. Und er gründete „Dichters dansen niet“, mischt Poesie, Musik und Bild zusammen. Mit „Vuurproef“ /Feuerprobe   (Nieuw Amsterdam 2014) erschien gerade das fuenfte Album (konsequenterweise CD und Buch) von „Dichters dansen niet“ mit Texten von Serge  van Duijnhoven und Musik von Fred de Backer in zusammenarbeit mit Edwin Berg auf Piano und Melodika. Gemeinsam spielten sie schon verschiedene mahle in der Literaturwerkstatt Berlin. So wie auch in Bremen (Poetry On The Road), Wien (Alte Schmiede), Sued Afrika (Stellenbosch), Porto, Lille, auf Sylt und sogar in Armenien dauernd die Eroffnungszeremonie fuer das Unesco Festival Yerevan World Book Capital 2012.

Preise 

  • 1995 Nova Makedonia Award (Festival Struga)

 

https://sergevanduijnhoven.wordpress.com/auf-deutsch/ 

 

Mit freundlicher Unterstützung des Nederlands Literair Productie- en Vertalingenfonds und der Botschaft des Königreichs der Niederlande.

Kontakt lyrikline.org

Projektleiter: Heiko Strunk
e-mail: strunk(at)lyrikline.org

Internationale Kommunikation: Juliane Otto
e-mail: network(at)lyrikline.org

c/o Literaturwerkstatt Berlin
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“Die Stimme kommt zum Text”
Körperbetonte Artikualtion und körperliche Ausdrucksformen

Ein Gedicht ist schon längst nicht mehr nur noch ein Gedicht. Die modernen Formen der Lyrik haben sich geweitet und geben nicht nur Raum für Worte und Laute sondern auch für eine körperbetonte Ausdrucksweise. Anlässlich des UNESCO-Welttages der Poesie veranstaltete das ZDF nachtstudio in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandradio Berlin und der literaturWERKstatt Berlin am 21. März 2001 eine lange Lyriknacht. Zu Gast waren Lautpoeten, experimentelle Dichter, Wortkünstler und Slamer aus Deutschland, der Schweiz, aus den USA, aus Holland sowie aus dem Irak.Das Grundthema aller Beiträge war die Verbindung von Stimme und Text, die Umsetzung von körperbetonter Artikulation in Worte, die Spiegelung verbaler Äußerungen in körperlichen Ausdrucksformen.

Die Stimme kommt zum Text – Die lange Nacht der Poesie 
Mit Serge van Duijnhoven, Oskar Pastior, Christian Uetz, Sapphire,
Adolf Endler, Michael Lentz, Hilde Kappes, Valeri Scherstjanoi,
Monika Lichtenfeld, Gerhard Rühm, Amal Al-Juburi, Uwe Kolbe,
Dietmar Diesner und Jan Off

So sieht Poesie aus
Hinsetzen und stille sein… 
Eine Bühne im Hof, ein stählernes Tor, eisern verstrebte Türme, Scheinwerfer davor, eine Leinwand, auf der eine Welle ewig rollt, ein Fernseher mit einem Feuer darin als Kamin, ein TV-Moderator mit langwelligem Grauhaar im Sessel zurückgelehnt, daneben ein zweiter Mann im dunklen Anzug, ein drei Schulklassen großes Publikum auf eisernen Stühlen, zwei kreativ verkrüppelte Bäume in stählern eingefassten steinernen Kästen, Kellner in gelben Schürzen, drei Leute drücken Knöpfe vor vielen Bildschirmen an großen Mischpulten und tuscheln in Mikrofon-Kopfhörer-Kombinationen, und es zieht in den Ecken vom Zollernhof, Unter den Linden, Hauptstadtstudio des ZDF, worin der Sender zusammen mit Deutschlandradio und Literaturwerkstatt eine “Lange Nacht der Poesie” mit dem Titel “Die Stimme kommt zum Text” aufgezeichnet hat. Am Sonnabendabend war das…

Mehr unter:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0319/feuilleton/0029/index.html

Loidl-Kalligraphie von Nazar Honchar

Loidl-Kalligraphie von Nazar Honchar

Kultur“nachtstudio”: Poeten auf allen Kanälen

21.03.2001 00:00 UhrVon Jörg Plath

Im Innenhof des Hauptstadtstudios Unter den Linden, wo das ZDF ein weiteres “nachtstudio” der Lyrik aufzeichnet, treten die Dichter nicht neben ein Wasserglas, sondern vor eine Riesenwoge. Unermüdlich überschlägt sie sich auf einer Monitorwand, und auf der Bühne davor lodert auf einem Bildschirm ein brennendes Kaminfeuer. Die ewige Wiederkehr und die elementaren Gegensätze, drumherum fünf Bürogeschosse aufgestapelt – fertig ist die Fernsehwelt.

Zwölf Lyriker haben das ZDF, das DeutschlandRadio Berlin und die Literaturwerkstatt Berlin eingeladen, “grosse Meister und junge Talente”, wie Moderator Volker Panzer dem schütter erschienenen Publikum zu Recht ankündigt.

Lautpoesie (Valeri Scherstjanoi, Gerhard Rühm) folgt auf recht laute Poesie (Serge van Duijnhoven, begleitet von DJ F.A.T. und Videojockey Gabriel Kousbroek), das lyrische Ich (Amal Al-Jubouri, Sapphire) begegnet der Sprache als Musik (Hilde Kappes), Lyrik und Jazz (Uwe Kolbe mit Dietmar Diesner) steht neben Sprachzerfetzung und dem Rattern mechanischer Spielzeuge (Michael Lentz).

Dichter als Magier, Tänzer, Musiker, Medium, Schamane – drei pausenlose Stunden artistischer Höhepunkte sind eine körperliche Herausforderung. Alsbald gehen gewiefte Channelhopper daher lieb gewonnenen medialen Usancen nach: ein, zwei Glas Bier und die dazugehörigen Toilettengänge. Dabei ist Acht zu geben auf die Kameras, die die Stuhlreihen immer wieder durchpflügen. Mal stoßen sie scheppernd eine Flasche beiseite, dann zerspringt unter ihren Rollen ein Glas.

Derweil geht alles seinen lyrischen Gang. Christian Uetz ist nach einem langen, schnellen und freien Vortrag wieder abgetreten. Ob der wie ein Dompteur gewandete Dichter noch weitere Gedichte geschrieben hat? In diesem einen war alles enthalten: Gott und das Wort, das Wichsen und der Leib, das Kommen und der Kommende, zuguterletzt die Literatur.

Volker Panzer erhebt sich wieder, ist erst nicht zu verstehen und sagt dann: “Bitte, provozieren Sie uns.” Das klingt nach einem älteren lyrischen Semster. Tatsächlich, es ist Adolf Endler, und er stellt ein Wasserglas neben sein Buch! Diese “Endlereske” lässt prompt die Surferwoge hinter dem weißhaarigen “Lästermaulhelden” erstarren. So bringt sich die Wirklichkeit hinter den Bildern in Erinnerung. Der Schaltraum im ersten Stock ist kühl, sieben Damen und Herren blicken konzentriert auf dreizehn, vierzehn Monitore. “Die Aufnahmeleiterin soll endlich aus dem Bild gehen”, nölt eine junge Frau. Doch das ZDF ist nicht MTV. Also wird die Poetennummernrevue durch zwei Diskussionen in der Mitte und am Ende unterbrochen, die sich erneut als Gelegenheiten zum Bierholen erweisen. Haften bleibt die Feststellung des Wissenschaftlers Reinhart Meyer-Kalkus: Dichter sitzen heute nicht mehr, sie stehen.

Stehend also kommt die Stimme zum Text, ohne Wasserglas kommt die Lyrik in den Sender, und nun kommt das alles zu Ihnen nach Hause, im Fernsehen und im Rundfunk. Sie dürfen sitzen. Wir wünschen Ihnen einen schönen guten Abend!

omslag Reisebuch Literatur Express Europa 2000 Eichhorn Verlag

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poesiefestival Lesung & Musik. „Dichters dansen niet – Sprechkonzert“. Mit Serge van Duijnhoven, Autor aus den Niederlanden sowie Yoko Tawada, Autorin aus Berlin. Musik: DJ Fred dB aus Belgien und Aki Takase, Pianistin aus Berlin. 8 / 5 €. 22 Uhr. Telefon: 030-485 24 50. Studiofoyer, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten.
A.zwart.SvdS
Interview mit der Festivalleiterin von “poetry on the road”: Regina Dyck

Jamilah, damals Schülerin am Kippenberg-Gymnasium und Mitarbeiterin bei workshop literatur e.V. interviewte die Festivalleiterin Regina Dyck im Juni 2008.

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Gibt es Begegnungen oder Ereignisse, die sich Ihnen imZusammenhang mit poetry on the roadbesonders eingeprägt haben?

Jeder Autor hat seine eigene Geschichte: Wichtig sind mirBegegnungen, die nachhaltig sind, d.h. es freut mich immer besonders, wenn sichaus poetry on the road etwas entwickeln kann, das dann – vielleicht nach Jahren – wieder nach Bremenzurückkommt; wie z.B. bei Serge van Duijnhoven und seiner Band “Dichters dansen niet”.

 


aus dem Niederländischen von:

 

Gregor Seferens Bonn, Ludo Blok Heerlen, Ulrike Schwabe Berlin,

Andreas Elcke Amsterdam, Jaan Karl Klasmann Wien

Serge.Bitterzoet.stage 

Wach sein ist leben

Warum schreibt man? Warum wird man Schreiber, oder Dichter?

Als ich gerade debütiert hatte, mit dem Gedichtband Het paleis van de slaap , wurde ich dies am häufigsten gefragt, vor allem von Reporter von Damenblättern und luxuriösen Wohnzimmermagazinen. Wenn man die Nase zwischen die Türen der Literatur steckt, erwartet man doch eine Art Rechtfertigung.

Poète, vos papiers! Dichter, zeige mir Deine Papiere!

Wahrscheinlich meinten die Damen es nicht so, und hatten sie nur die Hoffnung, einen Blick werfen zu können in die Seele eines Menschen, der wegen seines Werkes behauptet, auch ein bisschen in die Seelen anderer Leute sehen zu können. Die romantische Idee des jungen Dichters! Er, der die Herzen und Begierden der Menschen versteht!

Und doch empfindet man die Frage als eine Bitte um Rechtfertigung, weil sie so oft gestellt wird, und bestimmt dann, wenn man das Interview wieder liest, ohne die Augen des Interviewers zu sehen. Legitimieren Sie sich, Dichter, halt!

Einen Klempner oder Pilot oder Verkäufer fragt man nicht nach solchen Rechtfertigungen. Auch von anderen Künstlern werden sie selten verlangt.

Es kann ja schnell als ein unhöflicher Wink gedeutet werden. Hey, Peter, schön, dass Du Cello spielst, aber warum machst Du das?

Die Frage beantwortet sich von selbst. Ich bin Cellist geworden, weil ich… Nein, höre mal diese Suite an. Warum ich Bäcker sein wollte? Mann! Schmeckt Dir das Brot nicht, oder?

Beim Schreiben gilt diese Selbstverständlichkeit offenbar nicht. Hey, Autor, warum schreibst Du einen Roman? Hey, Dichter, warum schreibst Du Gedichte?

Warum, ne?

Manchmal antworte ich: um das Kind in mir wach zu halten. Das Kind ist die Quelle aller Kreativität, es ist das Muntere, die Morgenröte.

Henry David Thoreau, ein amerikanischer Schriftsteller aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts, u.a. Autor des Romans Walden, schrieb:

‘Wach sein ist leben. Ich bin aber nie jemanden begegnet, der echt wach war. Wie hätte ich ihm in die Augen schauen können? Wir müssen lernen, auf zu wachen und wach zu bleiben, nicht mit der Hilfe mechanischer Mittel, sondern mit einer unbegrenzten Erwartung der Morgenröte, die uns nie im Stich lassen soll, eben nicht während unseres meist festen Schlafs.’

Dies steht als Motto im Anfang meines ersten Gedichtbandes.

Alle Menschen dichten. Am bestimmten Moment hören die Meisten damit auf, so etwa um die Pubertät. Plötzlich findet man es kindisch, Gefü hle und Gedanken dem Papier an zu vertrauen, ein Poesiealbum oder Heft zu behalten. Einige aber machen weiter. Die werden Schriftsteller.

Warum die andere nicht mehr schreiben, das möchte ich gerne mal wissen. Ich habe mir also vorgenommen, die Frage gleich zurück zu geben, und zwar jedem, der wissen will, warum man schreibt. Die Frage lautet nicht: warum schreibt man? Die Frage lautet: warum hörtest Du damit auf?

(Aus: Doe maar dicht maar, 1999)

Serge fotografiert von Rens van Mierlo


Bei einem schlafenden körper

Ich will, dass du meine Absichten ergründest

ich will, dass du den Preis der Sehnsucht kennen lernst

den Maßstab der Dinge, ich will, dass du verstehst

warum das Irdische zu hoch bewertet wird

ich will dich sagen hören:

„alles ist nur gut um zu gewinnen

alles ist Taktik; wir spielen

alle nur“

ich will, dass man unser Geheimnis hüten wird

dass wir einander lautlos folgen wie die Jäger

ich will, dass wir bereit sind zum Einsatz unserer Seelen

so wie man eine Münze einwirft im Glücksspielautomaten

ich will die Zeit zurück, in der ich schlau wurde aus meinen Träumen

ich will die Zeichen zurück, die ich hinterließ auf deiner Haut

ich will dich fühlen können mit den Augen in der Dunkelheit

mit Fingernägeln spüren, wo du gewesen bist

ich will, dass deine Hände mich in kühle Laken wickeln

ich will sehen, ob deine Seite anders ist als meine

ich will, dass du zum Ende hin noch stärker wirst

ich will dich denken lassen, du gewinnst

ich will, dass du dich wie ein Findelkind fühlst ohne mich

ein Einzelgänger in der Leere, ich will dich bibbern sehen

vor Kälte. Ich will dich schwitzend, warm gerieben

ich will dich tollwütig, flehend vor Reue

ich will, dass du meine Gedanken lesen kannst

ich will, dass du mein Herz berührst

an der verhängnisvollen Stelle. Es interessiert mich nicht

wer der Grund ist für die Wunden. Es interessiert mich nicht

wie viele es davon gibt. Ich will nur wichtig nehmen

was mich beherrscht. Ich will an einem wunderschönen Ort sein

wenn ich sterbe. Ich will ertrinken können im Roten Meer

mich verwunden an einer giftigen Koralle, Strandgut sein

an einem strahlend weißen Strand, mit deinem Nachgeschmack

auf meinen Lippen. Ich will dich nicht zerstören

ich wüsste gar nicht, wie. Wenn ich doch sagen könnte:

ich werde dich vergessen. Wenn ich doch sagen könnte:

ich lasse dich in Ruhe

aber Lügen liegt mir nicht

ich denke immer an dich, wirklich wahr

für immer werde ich an dich denken

(Aus: Bitterzoet, Nieuw Amsterdam 2011)

Verschwiegen die Credos

Verschwiegen die Credos, verdünnt die Passionen.

Verworfen die Dogmen, verheimlicht die Schuld.

Verletzt ist die Unschuld, missbraucht das Vertrauen.

Vergeudet das Wasser, profan das Bekenntnis.

Verschmäht Sein Leib und das Eigene Blut.

Verstreut die Parzellen, vertrocknet das Land.

Verunziert das Antlitz, das Eigene Volk.

Verschleudert der Wohlstand, sorg vor für die Dürre.

Trink meine Worte, grab nach der Quelle.

Das Obst an den Bäumen, das Salz der Erde.

Das Pferd vor dem Wagen, die kärgliche Ernte.

Schwach ist der Trost und traurig der Anblick.

Nichts andres so kläglich, und nichts hat Bestand.

Absurd aller Zierrat und eitel das Leben.

Verbirg deine Wünsche, wähl gut den Gefährten.

Wehr ab das Unheil, verspotte den Wahn.

Der Mensch ist ein Tier, das Monster die Menschheit.

Der Himmel ist endlich, die Erde ist rund.

Zum Vernichter bete, flehe zur Allmacht.

Küss mich, mein Lieb; war ich lieblos, vergib.

Versiegle die Lippen, verbrenn meine Briefe.

Vergiss, wen ich liebte, sag, wer ich war.

Tanz auf Altären, knie vor dem Zufall.

Nichts ist zu verrückt und nichts vorhanden.

Gnade naht, und nun noch das Nackte.

(Aus: Klipdrift, Nieuw Amsterdam 2007)

Blinder als abzusehen

Nicht ihre Taten. Nicht das Morden. Nicht das Abschießen

des zum Wild gemachten Menschen. Nicht das Durchschneiden

einer Kehle. Nicht das Stechen in ein Herz.

Sondern die Worte, die man dann sprach:

„Ihr alle seid die Nächsten

werdet bluten, brennen in Seinem Namen.“

Damit erreichten sie ihr Ziel.

Erschreckten sie uns alle zu Tode.

Steckten sie in fernen und nahen Straßen

unsre Leichen in Brand. Wurde ihre Pathologie

der Rache auch unsere Wirklichkeit.

Wurde ihr blinder Zorn das Auge Aller.

(Aus: Klipdrift, Nieuw Amsterdam 2007)

Kalligraph von Nazar Honchar – zitat von Christian Loidl (Kleinkompetenzen)

Aus dem krummen Leben (eine rechte Lehre)

wo, wann und in wessen Namen

wurde sie geboren, auf welchem Grund

kam sie zur Welt, war Abendrot

war es Morgenstunde, als sie entstand

ist sie von Natur feig oder mutig

ist sie der Spross eines Geschlechts von

Habsüchtigen oder fließt in ihr

das Blut der Mütterlichen

und Gutmütigen

wem also gebührt die Ehre

die einzige, rechtmäßige zu sein

die Erblasserin, die charmante

Gouvernante von ihr:

der trotzigen, der hübschen, ihr

die geboren wurde mit Schaum

auf den Lippen, mit Schweiß auf dem

Antlitz, ihr, die die Leiern schlägt

ist das seelisches Manko oder Überschuss

ist es Trübsal, Trauer oder Freude

war Opferbereitschaft ihr Mutterschoß

entstand ihre Leidenschaft aus Mitleid

wofür bekam sie ihren Leib

um zu geben, um zu nehmen

freigebig oder sparsam zu sein

vernascht sie alles, lässt sie

einen Rest, beschränkt sie sich

auf das, was ihr beliebt, ist, was sie

schluckt, was sie begehrt, ist ihre Lust

nur List, Betrug, ohne Eigennutz

und dass sie in dies Herz so gern

die Zähne schlägt, geschieht das grundlos

oder weil ihr selbst eins fehlt?

fotograaf: Jan Willem Doornenbal

Bluttest

‘Ich möchte nicht, dass Du mich alleine lässt

jetzt, denn die Stimmung ist gerade gut’

‘Dann lasse ich Dich nicht alleine

sondern in Gesellschaft von

der guten Stimmung’

Sie lehnt am Treppengeländer

steckt die Zunge heraus

Meine Schritte werden laut

reflektiert, auf den Marmor

‘Wenn Männer bei mir sind

verlieren sie die Kontrolle

über die Sachen die passieren’

sagt sie, die keine Kontrolle

über mich (ich ebensowenig), wir:

zwei Fusseln im Wind

‘Du hast keine Ahnung was Du wegwirfst’

Ich gebe ihr Recht – ich weiß es nicht

each man kills… das gleiche Lied

Ich fühle mich wie ein Schuft, ein Dieb

auf frischer Tat. Aber ich bin nicht

aus Vorbedacht hier

(Was schon, denke ich, wer ist es

wer ich bin, ein Bauer

der seine Ernte vernichtet

im blöden Suff

ein plündernder Soldat

der sengen will als Beute?)

Sie lässt mich barfuß hinaus

Ihr Kater huscht zwischen meine Beine

der Schwanz hoch wie eine Schlange

von anderen beschworen, ein Aal

mit abgehauenem Kopf, der sich winden

bleibt, bis auf unserem Teller

‘Das ist symbolisch’, findet sie

Ich bejahe, drücke meine Stirn

gegen ihren blonden Kopf

‘Ich bedauere’, sage ich, ‘wir schießen nicht

mit dem Bogen. Eros schießt.’

Ich laufe mit Sonnenbrille

im Eilschritt durch die Nacht

eine Eule die nicht weinen kann

Ich warte, rauche meine Gitanes

während es langsam morgen wird

der Orbit blauig violett

die Stunde gleich bevor l’heure bleu

wenn der Azur vom Licht gestrichen wird

Nass, klamm fahre ich hin

nach Norden, ich

der das Norden verloren hat


Die Schüler Buddhas fragten ihren Meister:

‘Sind Sie ein Heiliger?’

Er sagte: ‘Nein’

Nach einer Weile fragten sie: ‘Sind Sie ein Engel?’

Er sagte: ‘Nein’

‘Aber was sind Sie denn?’, fragten sie

Der Buddha antwortete: ‘Ich bin wach’

Das Fenster ziehe ich eine Handlänge nach unten

und mittlerweile füllt sich mein Gemüt wieder

mit Luft, ich fahre schneller, beschleunige, verzögere

Die Liebe ist ein Bluttest

und ich puste, puste, sehe

das was verfließt, was nicht

Ich rieche meinen eigenen Atem

Sonst noch? Der Alkohol

der Rausch, das Bittere

und das Luzide… Ich lobe

den Tag der bricht, denke:

Gottdank, ich bin wach

Gottdank, ich bin immer noch wach

(Aus: Bloedtest, De Bezige Bij 2003)

Löschen diese Nachricht

…Ich bin nicht einer Deiner Lieben / schon könnte ich von einem gesandt sein /

Es ist jetzt morgens früh / Ich weiß, Du bist noch verdattert vom Schlaf / Du schwimmst noch über die Oberfläche des Bewusstseins / Vielleicht hörst Du diese Nachricht, aber hast Du keine Lust auf zu stehen und zu beantworten / Du wirst erstaunt sein, wenn Du den Hörer abnimmst / Diese Stimme gehört einem externen Nervensystem / Wie oft passiert es, dass ein externes Nervensystem sich die Mühe gibt Kontakt auf zu nehmen mit einem Irdischen Körper? / Das ist mal was anderes als mit Deinen Lieben plaudern…/

Ich könnte Dir auch eine E-mail schicken; / dies ist schließlich das Zeitalter der Entkörperung / aber ich fand es angenehmer Deine Stimme zu hören / Die Stimme eines fünfundzwanzig jährigen Jungen / wo ist Dein weiches G her, Serge? / Die Spure Deiner Jugend? / Ich habe Deine Stimme gehört in der Nachricht, die Du dem Anrufbeantworter eingesprochen hattest / Eradiction is permitted…., ist das, was Du sagen möchtest? / Tja, wenn Anrufbeantworter sprechen könnten…/

Ich möchte Dir etwas vorschlagen / Schließe auch mal Deinen Kö rper an, wenn Du schlafen gehst, an ein externes Nervensystem / Hundert und zehn Volt genügen / Das Doppelte darf auch / Wir sind in allen Sä tteln gerecht / Du wirst erstaunt sein können / Aber vielleicht ist das nicht das, was Du möchtest / Erstaunt sein / Vielleicht möchtest Du unter der Oberfläche Deines Bewusstseins schwimmen bleiben / Der kleine Arglose bleiben, der Du bist / Ein Junge mit nur einer Stimme / aus der alle Spuren Deiner Jugend zermahlen und zerstört sind / Verschwunden / Ein Junge mit einem schlafenden Körper/

Meine Zeit ist fast vorbei / Der Speicher ist voll / Ende Bericht / Wenn Du möchtest, kannst Du die Nachricht zurückspulen / Ist das nicht das Leben, von ihr da unten? / Eine Kassette die nach Belieben zurückgespult werden kann? / Und wenn Du Deine Kassette zurückspülst, Serge, was bekommst Du dann zu hören? /

Der kalte Krieg ist zu Ende / Ein Kode-Krieg kann gleich ausbrechen / Dies ist nur der Anfang / Ist es nicht Zeit für Streit, fürs Heldentum? /

Vergiss es / Löschen diese Nachricht / Löschen den Bericht / Löschen

(Aus: Obiit in orbit; aan het einde van de nacht , De Bezige Bij / Djax Records 1998)

Snuff

Weitergegangen mit einander

zusammen zu hauen

bis wir verbeult und geläutert

das Wrackgeld einstreichen konnten

Auf der Veluwe erholt

in einem Häuschen zwischen den Bäumen

Zurück in der Hauptstadt

dichte Böden bauen lassen

Töpfe mit Salzsäure angeschafft

Die Polizei ist gekommen

weil es im Flur

anfing zu stinken

Man dachte, es war ein Labor

für xtc-Pillen (Brabanter!)

Sie konnten uns nichts anhaben

Sie haben einen Dreck hinterlassen

und alles notiert: ‘Auf Wiedersehen!’

hörte sich an wie ein gemeinter Gruß

Nichts hielt uns vom Fortfahren ab

Neue Liste zu erstellen

entlang den Heimwerkergeschäfte (Gamma, Praxis)

zu fahren, um einen unschuldigen Bausatz

zur Guillotine um zu bauen

Wir haben den Hunden den Hals

durchgeschnitten, die Katzen verkürzt

(angefangen mit dem Schwanz;

bei der Ersten stockte unser Gerät)

unser Söhnchen im Speicher eingeschlossen

an einer Kette aufgehängt

geschlachtet, abgehäutet, die Knochen herausgelöst

alles auf Tape aufgezeichnet

etikettiert, für später

Den Nachbarn mit Gourmetstöckchen

die Augen ausgestochen

Die Nachbarschaft ist dann geflüchtet

das Hochhaus eingekreist, uns selber

die ganze Nacht im Fernsehen zugeglotzt

fette Joints angelegt

und den Hintern angeschlossen

an eine blaue Flasche Butangas

Wie Raketen entbrennten wir

bis innen alles Asche –

und unsere Seele verbrennt

und immer noch niemand, der es glauben wollte

(Aus: Obiit in orbit; aan het einde van de nacht , De Bezige Bij / Djax Records 1998)

Psychopathia Sexualis

So stellt er sich vor, dass er

ihren Traum betritt; das

Haus eines Bekannten, einer Patientin

ein Schlag auf der Tür, ein kleiner Klaps

gegen ihren Kopf, ein Lächeln

Er setzt seine Kalbsledertasche

neben ihr Bett, riecht

ihr Parfum (Bardot, oder Givenchy)

den Atem des Abendkaffees, aber keine

Spur noch ihrer Angst

Sie erzählt, er lässt sie sprechen

sie fragt ob sie das Fenster öffnen sollte

ein wenig Licht und Luft ins Zimmer lassen

aber er widerrät. Das Zimmer bleibt,

sagt er, zu klein für zwei Personen

Sie fragt ganz höflich ob sie sich

entkleiden muss. Er nickt diskret und nimmt

ihre Klamotten an. Er faltet sie zusammen

und legt sie auf dem Tuch; alles ordentlich

weil keine Passion erwachen darf

Er tropft Flüssigkeit in ihre leicht

entzündete Augen, spritzt Dunst

in ihre Nase, reinigt

gründlich alle Atemwege, legt sein

Stethoskop auf ihrem Schulterblatt

und stellt sich vor wie er ihre Backen

öffnet mit seinen Fingernägeln, ihren Rücken

häutet und die Wirbel streichelt

(er denkt an Forelle, truite

à la meunière ) und mit seinen Händen

grapscht durch ihre Adern die sich kräuseln

wie Ottern rund seinen Fingern

Er grabbelt zu ihrem Herzen

dem er, bevor er es mannigfaltigt

und in Scheiben schneidet, einen Kuss gibt

einen Kuss! Die jahrhundertealte Kunst

der Beherrschung

(Aus: Copycat, Prometheus 1996)


Die Flucht des Magiers

I

Es ist nicht ohne Nebengedanken

dass er sein Kissen nimmt und die Katze

mit dem Morgen gegen den Himmel

geklebt den Tag loslöst

von dem Rest des Lebens

nach einer Nacht des dunklen Regens

Das tote Auge in der Decke

wirft ihm seine Ermüdung vor

es wirft ihm den Schmerz

der nicht verschwinden will vor

es wirft ihm die Angst vor

nicht unsichtbar bleiben zu können

Auf der Treppe liegt die Post

seiner Gattin. Er steckt

die Briefe in seine Tasche

Er sucht den Schlüssel

Wie von selbst erkennt er in seinen

Gebärden die Züge seines Vaters

still from Harry Smith’s Heaven and Earth Magic (film)

II

Auf dem Innenhof schreien die

Kinder, als ob sie mit Stöcken

verwamset werden. Während der

eiserne Zaun hinter ihm jammert

hört er wie die Duschtropfen

von den Wänden freigelegt werden

Er steigt auf sein Fahrrad

und rast und saust wie besessen

entlang der Schule mit den vernagelten

Fenstern, die Gemeindekirche wo er

heiratete ist heute Moratorium

Getrieben wird er

von den Sirenen am Montag

Jeder wird erstaunt sein, dass er

nicht zurückkehren wird, der Magier

mit Furcht fürs Quecksilber seines Schlafes

in dem er seine Götter nicht

von seinen Träumen zu trennen weiß

(Aus: Het paleis van de slaap , Prometheus 1993)

Copycat

Ich fühle das Fleisch sich

um Deinen Knochen schrumpfen

deine Haut wie Marmor

der die Wärme frisst

und Kälte gibt

Alle Achtung

für die Schrammen auf Deinem Rücken

Eine Mücke, sagtest Du, die biss,

So möchte ich Dich haben

alleine zwischen den Tropfen

Dein Bildnis mal hundert

erschreckt von dem Aussehen

das nie für Dich

gemeint sein könnte

(Aus: Copycat, Prometheus 1996)

Anorexia

Die zwei Geschlechter werden beide

an ihrer eigenen Seite sterben

– Marcel Proust

Echt nicht, schüttelst Du, Du weißt

dass es nicht die Leere ist

die an sich selber frisst

Der Geruch, sagst Du, ist das Wasser

des Amstels. Der Schatten

ist die Ulme am Rand

Ich fürchte Deine Ehrlichkeit

sie macht Dich transparent

so aufrecht auf dem Bug

bist Du eine Statue

mit Faulbrand in den Knien

‘Siehst Du,’ rufst Du, ‘den spitzen Turm

die dürren Häuser, die Schwärme

Sprehen über der Stadt?

Die Möwen über dem IJ?

Und mich? Siehst Du mich?

Was willst Du beweisen

mit Deinem weiten Kleid?

‘Hör,’ flüsterst Du,

‘schnell.’ Mit meinem Ohr auf

Deinem Schenkel höre ich die Höhlung

und Du das Zischen und Grunzen

der Schlangen und Schweine

in Deinem Bauch

(Aus: Het paleis van de slaap , Prometheus 1993)

Wasserkatze

‘Wasserkatze’ nennt Deine Freundin ihre Schute

‘sie leckt durchaus nicht’, sagt sie

‘nur ein bisschen’. Du denkst: warum

heißt so ein Schuft doch ein Schuft

beim Steg siehst Du einen dürren Inder

mit kerzengeradem Rücken im Lotussitz

Du kletterst im Bauch des Boots

mit einem Kanister Zweitaktöl

zwischen den Knien. Zu viel Lärm

zum Sprechen. Blicke die zurückwerfen

Du angelst Plastik aus dem Wasser

ein weiß-rosa Aal treibt aufgeborsten vorbei

ein vollgesaugter Fahrradreifen hängt

an der Seite. Taubennester mit der Brut schaukeln

unter der Brücke. Ihre Hände, die in Zärtlichkeit

den jungen Taubenputz bestreichen, während

dessen schwarze Lummen weiter Flöße bauen

von Zweigen, Dosen, nassen Zeitungen

ihre gluckernden Forts beschützen wie

Lumpenkönige. Die russische Crew

eines verankerten Frachters winkt Dir

in dem grauen Hafen zu. Ein großes Passagiersschiff

fährt los. Wasser tropft in Fäden

der hochgewunden Lianen. Das IJ

ist plötzlich Dschungel, die Luft Wüstenei

noch immer mit der Hoffnung, dass die Herzen gestellt werden

aber sie entschuldigt sich:

ich trage heutig eine Tide in mir

verzeihe, aber ich lenke schon ein

(Aus: Obiit in Orbit; aan het einde van de nacht , De Bezige Bij/Djax Records 1998, und auch aus: Die Hundert Beste Gedichte von 1999 Arbeiderspers 1999, eingeleitet von Wiljan van den Acker)

Weldon Kees

Meine Tochter (frei nach W. Kees)

meine Tochter hopst auf ihrem Hüpfball durch den Garten

füttert die Enten und die Tiere im Park

als ob sie alles in der Hand

meine Tochter sagt: Papa, mach dir keine Sorgen

Geister gibt es nicht, auch keine Zauberer und Hexen

und auch morgen beginnt wieder ein neuer Tag

meine Tochter wünscht mir gute Nacht

im Dunkeln, küsst mir auf die Wangen

zittert in meinen Armen

ich frage mich, wer ist das Kind, das zugedeckt wird

wessen Traum ist es, der hier beginnt

ich denke: alles soll im Leben ab jetzt

umgekehrt vonstatten gehen

was jung ist älter und was größer klein?

dreißig und schon von meinen Genen überholt

ich halte nicht mehr an, ich höre nicht mehr auf

ich habe keine Tochter

und denke auch nicht dran

(Aus: Bluttest , De Bezige Bij 2003)

Zumi Pop

‘Du wirst mein Tod’, flüsterte sie

Ich sagte: ‘sag das nicht’

aber fand es das netteste je zu mir gesagt

Ein Tattoo von Katzenaugen auf ihrer Schulter

Zumi Pop. Sie nahm Stunden an der Polizeiführungsakademie

Trotzdem bin ich nie jemanden begegnet

der so viele Drogen verschlingen kann wie sie

Sie hatte die Pillen aus meinem Hals gelutscht

der Koks aus meiner Nase geschleckt

‘Bist Du mediterraner Herkunft?’

‘Wie schick Du das sagst. Ja,

ich bin mediterraner Herkunft

Ein Nachkomme Julius Cäsars

Eine Krabbe aus dem Meer

extra für Dich an Land gekrochen

taradi trip-trip wie Zappelphilipp

Komm mal hier mit Deinen ET-Öhrchen

dann schneide ich hinein

‘Lasse mal Deinen Außenbordmotor an

Cäsar! Fahren, man, fahren, volle Kraft

das Mittelmeer herab, aiwiwfowwow’

Irgendwo war sie noch, lebte sie noch, lief sie noch

trippelte sie noch. Irgendwo blies sie einem einen

das Mädchen, das Mädchen. Sie klopfte, klopfte, klopfte

auf der Innenwand meiner Seele

‘Du wirst mein Tod’

Sing! Tanz Zumi Pop

als ob Du morgen Zumi Pop

in dem frühen Morgen

sterben musst

(Aus: Obiit in orbit; aan het einde van de nacht , De Bezige Bij / Djax Records 1998)

Corridor der passage

wir glühten im Dunkel

wie Würmer, wir waren licht

und fettig, blind

wir wollten schon, aber wussten

nicht vornehm zu sein

unser Bruch hauptsächlich

in der Stimme. Wir verhaspelten uns

in unseren Wörtern

wir tanzten tollpatschig

wie die Hormone in unseren Körpern

wir verschwiegen unser Geheimnis

das rosa wie eine Zunge lag

im Maul eines Raubtiers

zum Sprung bereit

wir verstrichen unser Blut

über Spiegel. Wir wussten

nicht wie die Liebe aussah

wir wussten nur wenig

übers Leben, wir wussten

sehr viel und mit uns selber

nichts

(Aus: Bluttest , De Bezige Bij 2003)

fotograaf: Filip Vanzandycke

In Morpheus’ Armen

Das Beste, was ich Dir wünschen kann, ist ein bisschen Missgeschick

– F. Scott Fitzgerald

1936. September. Neue Episode.

All’ diejenigen, die hier vor einem Monat

noch waren mit ihrem Leiden,

schreiben mir heut’ Postkarten:

Scott, Kopf hoch

Das Alte kommt zurück im Lachspiegel,

Buch, oder fährt vorbei. Ein kleiner, eiserner

Wagen auf Gummirädern

Keine Gläser nur Tassen

(die Ärzte trinken aus Bechern)

Der ganze Sommer scheint ein halbes

Leben her. Die Barbecuepartys

Die Zitronen, die reifen

an den Bäumen, und dann, der misslungene Sprung

vom viel zu hohen Brett. Daneben.

Ich bin ein roh ins Gebet genommenes

Kind, mein Penis ist mit meinen Muskeln

erschlafft vom Schlaf

Der Sommer brodelt weg

Das Leben schmilzt

(Aus: Het paleis van de slaap , Prometheus 1993)


Thank you for the music!

Auf dem Platz singt der Mann mit dem Bart:

‘Flugzeuglein ich breche deine Flügel

Flugzeuglein ich brech’ dein Heck’

er hält eine Ansprache:

‘Unsere Brüder haben vor den Piloten keine Angst

und sie brauchen eben keine Waffen

Terminato, komm mal schnell!’

Die Düsenjäger fliegen dicht über

reiben die Lüfte aus Azur

Sogar der Mond strahlt blau

Ein blauer Berichterstatter dankt

fürs Geheul, er zeigt

hoch und singt: ‘Thank you

for the music’

Die Tage sind fade, die Jungs

beißen auf ihrer Zunge, die Mädels

kauen amerikanischen Kaugummi

Man ist von den Geistern verlassen, von Liebe

und Gebot, man hat den Frieden ja verloren

Man singt hier nicht, man denkt

nicht mehr an den Alltag

Man tanzt hinter Betonmauern

Ein Mädchen guckt nach mir mit großen Augen

‘Wir fahren heut’ Nacht zum Himmel

statt zur Hölle’

Die Tricks sind einfach

‘Siehst Du’, sagt sie

und schließt ihre erdbeerroten Augen

‘Es war hier mehr oder weniger

immer wie in der Schweiz’

sagte mir ein junger Schauspieler

‘Die Schweiz des Balkans halt

Ich hoffe, dass es so bleiben kann’

VisharVishka heißt er

Hamlet auf der Bühne. Seine Landsleute

werden über die Berge hinweg gejagt

In Ketten werden sie zusammengetrieben

zermahlen und gedroschen, zerquetscht

wie Korn im Niemandsland

Die Samen wehen mit den Krankheiten

jetzt in Richtung seines Landes –

seiner Schweiz

Ich frage ihn, ob er Witze reißt

‘Unsere Witze sind uns Ernst’

sagt der Spieler ganz entschieden

und mit zurückgesetztem Grinsen

‘Nenn es unsere Nationalspezialität

die Kruste ist Blätterteig

die Wurst ist Wirklichkeit’

Ah-Pook was Here – illustr: Mcneill – teksten van Burroughs

Nacht im Hotel Orbit

Alles schien noch möglich als Du einchecktest

Du spürtest Liebe, Lust, Leben

während des Logis ist etwas verschwunden

es wäre genug zu wissen was

Hättest Du ein bisschen von dem sparen können

Die Laterne auf der Straße treten schon früh

auf der Stelle. Das Licht kann sich plötzlich versetzen

Neue Gäste kommen dauernd an. Fähren

fahren aus über den Kanal. Der schlampige Mann

der in einem Container lebt am Kai

steckt noch jedem Tag die Zunge nach Dir ‘raus

fragt Dich, an seinem lahmen Arm zu ziehen

wie am Hebel eines Groschengrabs

es schauen Münzen aus dem Spinngewebe seines Barts

Du ignorierst seine Bemerkungen

wie auch seine Verfluchungen

Einen unsichtbaren Fischerring

schleppt der alte Fischer hinter sich her

die Seile glitschen unhörbar

über die Platten des Boulevards

Sein Fang ist schon längst

an diesem Wall verdampft. Er kennt

das Ziel der Boote

wie er auch die Mannschaft kennt

die Zukunft, die ist schon prophezeit

klingt wie ein bedrohlicher Wetterbericht

mit starken Wechseln in der atmosphärischen

Kondition, Schwankungen die nicht

den Jahreszeiten angehören

Nur wenige die hier verharren

werden den Winter erleben, wissen wie die Jahre

ihre Runde ziehen wie stramme Eisläufer

‘Die Stimmung stimmt hier, die Stimmung ist OK’

sagt der Manager des Hotels

‘Deswegen haben wir uns entschieden

das Logement auf Hotel Orbit zu taufen

Orbit ist ein englisches Wort und

geht sehr gut ins Ohr

was günstig für die Kundschaft ist’

Auf den Zimmern hängt fransig Mückengaze

Es steht ein Fernseher mit sechzehn Kanälen

der ungewöhnliches Brausen darstellt

Ein zentraler Recorder spielt Videofilme

mit Szenen eines Kinderlebens

Der Porno kann genommen mit Bechern

Warmes Popcorn das unaufhörlich

weiterpoppt in den Automaten auf dem Flur

Auf der Toilettentür sind Texte

gebrannt aus heißer Zigarettenasche

‘Lass mich in diesem Jahrhundert nicht sterben’

und mehr von solchen Herzensergüssen

Du wolltest immer schon entführt

Du wolltest immer schon Wasser dicker als Blut

sein. Du warst immer schon bereit Dir die Geißelungen

zu unterziehen, denn Du dachtest

sie werden wie Streicheln sein. Blut

aus den Wunden fandst Du immer schon

der Sommerblüte gleichen

Verlangen fandst Du gleich dem Zurückverlangen

aber wie konnte das sein – hungrig sein

nach dem was nie gescheht?

Bist Du je hungrig gewesen nach diesem Hotel

dessen Mauern Deine Gefühle, Deine Vergangenheit fressen

zwischen den Du Deine Glieder sich erstarren fühlst,

Dein Kopf immer niedriger, Dein Herz immer leerer,

alles schleppender? Manchmal beim Frühstück

weißt Du nicht ob Du schon wach bist

Nachmittags hört man Salven

Das Singen der marschierenden Soldaten

Armeen des Unheils die sich staendig naeheren

Halsbluetig und kaltbluetig wird die Begleichung

sein. Die Kellner haben ihre Waffen vorgehalten

ein einziger Gast genießt die Dämmerung

auf der Terrasse. Auschecken geht nicht

was als Ausflug gemeint war dauert an

Gäste die Dich nach Deinem Alter fragen

bleibt man höflich die Antwort schuldig

Wie lange her, dass Du eingecheckt hast?

Wie viele Deiner Lieben die in diesem Hotel

verschieden sind? Spürst Du die Angst, das Bedauern

um dem, was Du begehrtest? Bist Du happy

mit der Stimmung? Enttäuscht Dich noch etwas?

Sei unbesorgt. Es bleibt nicht so viel

Sauerstoff übrig. Die Atmosphäre brennt

hinter der Brandung

Deine Eltern starben an Krebs und Alter

Deine besten Freunde sind über die Klinge

Sie vertrauten die falschen Personen

Sie bekamen die falschen Mittel

oder haben sich in unfassbaren

Unfällen an ihrem Inneren gespießt

Du bist alleine mit Deinem Kummer

Es ist niemand da außer das Personal

um für Dich zu sorgen. Du denkst daran

Dich als vermisst an zu geben

aber für die Umwelt bist Du das nicht

nur in Deinem eigenen Leben

The grave of Joris Abeling (1971-1998) in Amsterdam

Der Crash

der Crash:

alles was Du davon wusstest

gelöscht. Ein Druck

auf den Knopf

Delete/SysRq

der Tod:

Du dachtest, es war nichts

als ein Riss in einem Blatt

ein blinder Fleck

im Gedächtnis

kleck:

etwas, was Du klecktest im Alter

was kommen würde mit der Nacht, blass

wie der Mond, wie knochenweiß Segment

oder runzelige Kröte, wie

Nacht:

die in der Nacht übergehen sollte

trotzdem kam am hellen Tag

mit der Sonne, ein Schlag, Blut

Schrott

der Tod:

dann, umgefragt, warst Du der Einzige

der wusste wie man den Deckel

aufm Sarg nennt

die ewige Aussicht

Wisecrack:

im Wrack bewiesest Du, dass es auch ohne ging

während Feuerwehrleute Löcher brannten

im Dach hieltst Du Deine Augen stramm

in die Sonne. Wie nennt man das?

der Tod:

ewiger Star

(Aus: Obiit in Orbit; aan het einde van de nacht , De Bezige Bij/Djax Records 1998)

So kommt es

So kommt es. Wofür es keine Worte gibt

wie immer man es nennen will. Das große Geheimnis

von Rumi Djal’alladin, das unvorstellbare Nichts

des Meister Eckart. Nietzsches Nichts

das alles ist. Die reductio ad absurdum

von Descartes. Die hässliche schwarze Leere

von Sartre. So kommt es. Was man sich auch wünscht

oder verwünscht, wie man es sich auch vorstellt:

als gähnende Stille, als Vakuummeer der Dunkelheit

als Gottes sauren, breiigen Atem. Sein ausgespucktes Blei

wie eine herrliche Stadt, oder den Straßenrand

voll von ausgebranntem Schrott

wie das versengte Ufer

der verdampfte Fluss. Als Trübsal

oder Labsal, als Rache oder Vergnügen

so kommt es und kommt es und kommt es

auch hier

wie das Ende das kommt so kommt es bestimmt

wie das Ende ohne Ende, wie das Ende

der Zeit. Oder es kommt so wie der Anfang

der Ewigkeit. So kommt es

wie Asche in deinem Mund, wie Pisse in deiner Kehle

wie eine Sache die zum Himmel stinkt, wie eine Frucht

die fault. Mit einem Röcheln, oder mit Köteln

einem Auswurf, einem Schiss. So kommt es

wenn es kommt eiskalt, mal glühend heiß

so kommt es einem oder es kommt so arg

in der Kabine oder im Sarg. Als Letzter

oder auf dem Kopf. Oder es kommt anders über Kopf

als Akrobat oder als Tropf, als fauler Tunichtgut

als schräger Operettengott. Als kopfloses Huhn

Speedski- oder Rennfahrer, gedopt

oder auf Dope. Als Radrenn- oder Rallyefahrer

so kommt man hoch oder um die Ecke

als Läufer oder als Chauffeur. So kommt es

stocknüchtern oder mit einem in der Krone

so kommt es schnell. So kommt’ s allmählich

als Kopf oder Zahl. Bingo oder Schicksal

als Blackjack oder als Jackpot

als Schlüssel oder als Schloss. Als

Palast oder als Hütte. So kommt es

wie ein Loch im Boden oder ein Einbruch

im Eis. So kommt es als Ekel

oder als Zugluft durch eine Ritze. Als Kreuz

oder als Möse, als Kuss oder Kreuzigung

so kommt es als Jesus oder als Salz

als Dornenkrone oder Entthronung

als Bischof in Habit oder als Schotte im Kilt

als Peinigung oder Marterung so kommt es

als ein Spanferkel das schreit, als ein Lamm

das abgestochen wird und so kommt es

als das Letzte was du wolltest

als Erbrochenes kommt es oder als letztes Wort

das dir über die Lippen kommt. Als Luft

die dir entweicht. So kommt es als Stimme

als Berufung. Oder als Ende vom Lied

als Ping einer Triangel, als Rüffel

oder als Stoss. Als das Rot des Blutes

oder das Braun der Gosse. Als Donner

oder als Blitz. Als Pause oder als Paukenschlag

als erhabene Ruhe so kommt es

oder als ewig verkaufsoffener Sonntag

als Tag der Rache oder als brennend heißer Sand

als schwere Nacht kommt es oder als Morgen

vor dem Eintreffen der Zeitung

als Schlaf oder als Erwachen. Als Krebs

oder als Faulbrand. So kommt es als Lukullus

Herr der Gefräßigkeit, oder als Haut und Knochen

als Jeanne d’Arc oder Schwester Ursula, Bernadette

oder Maria oder Gott weiß welche Jungfrau mit Anorexia

so kommt es als sie, er oder ihre

als Grauen mit einer Bärentatze

als Kleinkind mit einer Rassel

so kommt es, als der Hengst mit dem Hammer

als Ticken der Uhr, als eine

schwingende Peitsche oder ein Schlag mit dem Stock

als ein Wink mit dem Zepter

oder ein Crash im Laptop

so kommt es als kratzende Kehle

als stockender Laut, als Geruch

von Lavendel oder unerträglichem Gestank

als kalte Dusche, als dampfendes Bad

als weiches Sofa, Kissen oder Folterbank oder das Bett

der Natur, als Erde Wasser Luft und Feuer

so kommt es – und meistens noch dazu

zur unmöglichsten Zeit. Mit einem steifen Schwanz

oder mit einer Maske. Als Brustwarzenring

Mister Piercing oder Tattoo, als

Kraftstrom auf dein schockiertes Herz

als abgestreifter Pelz. So kommt es

himmlisch oder höllengleich, so kommt es

als Rose oder als Stachel im Fleisch

so kommt es als Honig oder als Gift

als Pille aus der Dose oder als Klecks

Zuckerrübensirup. So kommt es

als Schlamm im Schützengraben, als Angst

nach der Hoffnung, oder als Verzweiflung kommt es

als Schlaufe mit einem Knopf

und weiter kommt es als ein Assagai

oder eine Machete, als ein Nagel oder eine

Schraube, als eine Heugabel oder eine Sense

sogar als Kugelschreiber kommt es angeschossen

als das Messer an der Kehle oder als ein

banaler Besenstiel. So kommt es

mit oder ohne Gefühl, als ein Spieß

am Grill. Als Pfahl durch deinen Anus

oder als Pfeil durch dein Bein. Als Fischgräte

in deinem Hals oder als Splitter einer Granate

so kommt es. Als Kinderwiege oder Ammenmärchen

so kommt es unter Stress und Überstunden

manchmal jedoch auch glatt und ohne Wunden. So kommt es

als Spion oder private eye, als ein geschlagener

Bauer, als Schachmatt oder als Patt

so kommt es akkurat und effizient

wenn auch zu spät. So kommt es

schwer und steif oder in lockerem Spagat

in vollem Ornat oder Goldbrokat. Als König

oder als Potentat, als Gönner oder als Verbrecher

als ein armer Baron oder als ein Clochard

mit Strähnen im Haar

so kommt es als Hund der nagt an jedem

Knochen, oder als Sensenmann kommt es

von innen heraus oder an dich heran. Als sinkender Boden

oder schlürfendes Moor. Als Höhenangst

oder Übermut, als Glücksfall oder als Missgeschick

als Fall über die Reling oder als Sprung

vor den Zug, als der makabre Tänzer

kommt es oder als freches Gör. Als steifer Kerl

oder als zerknüllte Serviette. Und in Streifen

oder in Stückchen oder als Fäden Spaghetti

als Streu, weißer Schnee oder als buntes

Konfetti. Als unsichere Sicherheit kommt es

als mächtiges Mysterium oder Macht der Unbestimmbarkeit

so kommt es und kommt es und kommt was da kommt

aus den Höchsten der Höhen oder dem Abgrund des Schlunds

wie es auch kommt, es bleibt ein Spiel:

was man gewinnt, was man verliert

wenn unser Leben im Nebel

an der Netzhaut festfriert

(Aus: Obiit in obit; am andere Ende der Nacht, De Bezige Bij/Djax Records 1998)


SCHWŌR  AB  DEM GEWĀSCH

Lösch die helle Lampe in Deinem Kopf. Leg den Rest zur Seite.

Hör, was dann noch flüstert, stöbert, atmet in der Stille.

Was bleibt an Taubengurren, Fröschequaken

Sprudeln des Lebens. Schwör ab dem Gewäsch.

Lass den Wind fahren. Hör auf die Weise des Lebens.

Lass sein, was muss. Heiße den Abschied willkommen.

Sei langsam, schlau, Klang. Von Vögeln gesungen.

Gelange zum inneren Ich. Erinnere Dich was jeder vergisst.

Weiss was du werde, sei wer Du bist: singendes

durchdringendes. Ein Loidlisches (L)Icht.

*

(Aus: Wat ik zie kan ik niet zijn, Pels & Kemper 2011)

 

https://sergevanduijnhoven.wordpress.com/auf-deutsch/

 

Serge van Duijnhoven

Blinder Passagier

Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still

„Was wissen die Bürger der Länder des Schengen-Abkommens heute noch von Grenzen? Frag einen Flüchtling, einen Kurden oder Kosovaren, der versucht, schwimmend Italien zu erreichen …“ Diese bittere Feststellung macht die Autorin Dubravka Ugrešić, die seit 1991 in verschiedenen Ländern im Exil lebt, in ihrem Essay Nice people don’t mention such things. Auf die Frage eines verzweifelten Beamten nach ihrer Nationalität, antwortete Dubravka einmal stur: Keine. Sie fühlte sich staatenlos. In Kroatien wurde sie in Akademikerkreisen wegen ihrer kritischen Haltung gegen den aufkommenden Nationalismus zur „persona non grata“ erklärt. Im Rest der Welt war sie als Kroatin gebrandmarkt. „Gibt’s nicht“, sagte der Beamte. „Jeder Mensch hat eine Nationalität. Jemand ohne Nationalität existiert nicht. Der ist niemand. Und jeder ist jemand …“

I

Boris Iljic lebt allein, und seine Einsamkeit kann man riechen. Er hat keine Haustiere, bekommt keinen Besuch von Freunden, Nachbarn oder anderen Asylbewerbern, die er kennengelernt hat. Boris` einziger Gefährte ist sein Geruch, – ein dumpfer, säuerlicher Geruch nach billigem Van Nelle halfzware shag, Schweiß und Radierbleistift –, der nicht von ihm weichen will, eine Art sinnlicher Schlagschatten. Boris lacht selten. Meist öffnet er die Lippen nur ein kleines bißchen, vielleicht um sein ruiniertes Gebiß oder den abgebrannten Friedhof, der noch davon übrig ist, zu tarnen. Auf der Straße spuckt er aus Gewohnheit auf den Boden, dicke Schleimbrocken mit dünnen roten Blutfäden, die in scharfem Winkel seinen Mund verlassen.

Auf meine Frage, warum er immer so ausgiebig auf den Boden spucke, antwortet er: „I have to spit, my seamen is no good.“ Boris reicht mir einen mit Klebeband reparierten Kopfhörer, der für meinen Kopf viel zu weit ist. Die beiden Membranen rutschen mir halb in den Nacken.

„Well? What do you think?“

Ich höre mir die Musik an. Eine temperamentvolle, dunkle Frauenstimme jammert auf flämisch unter meinen Ohren: „Bleib noch eine Nacht/bevor du mich verläßt/bevor du von mir gehst/als wär’s noch mal das erste Mal/nur noch ein einziges Mal/und dann nie mehr.“

„I like this song so very much“, seufzt Boris. „Wendy van Wanten. You know her? Is she a rich woman?“

Ich lehne mich zurück gegen einen der breiten, offenen Schränke. Das Haus in Gent, in dem Boris und ich wohnen, hatte früher eine Kürschnerei beherbergt. Die Bretter, auf die die frischen Pelze zum Trocknen gelegt wurden, stammen noch aus der Zeit. Die abgehäuteten Tierfelle haben Büchern, Vasen und Fotos Platz gemacht. Oder, wie bei Boris, glossy-Zeitschriften über Computer und Hifi-Geräte und seine eindrucksvollen Stapel amerikanischer business-Magazine. Sein Zimmer quillt davon über.

Auf dem kleinen Tisch neben dem zweiflammigen Gaskocher steht eine Büchse mit undefinierbarem Inhalt, aus der Boris mit einer Plastikgabel ein paar Happen nimmt. Am Fußende seines schmalen Bettes thront ein Pioneer-Fernseher. Der Bildschirm zeigt ununterbrochen Werbung. Ich tauche noch einmal in Wendy van Wantens Schmerz ein. „Ich habs aus Liebe getan/alles, was dir ein Mädchen geben kann/auch wenn das falsch war/würd’ ich es wieder tun/du hast mich doch geliebt/bleib bei mir heute nacht/laß mich nicht allein.“

An der Wand neben seinem Bett hat Boris mit Tesafilm zwei DIN A4-Blätter befestigt. Darauf notiert er jeden Tag mit Bleistift und Kugelschreiber die Kurse von Aktien, Anleihen und Obligationen. Die Daten übernimmt er aus den Börsenberichten der CNN und NBC. Aus früheren Gesprächen mit Boris habe ich mitgekriegt, daß er „in einem europäischen Land zu einem günstigen Preis“ Staatsobligationen gekauft hatte. Strategisch sehr klug, meinte er, denn als Asylbewerber lege er sein Erspartes lieber nicht auf die Bank, wegen der regelmäßigen Kontrollen des belgischen Sozialamts. Woher er das Geld für seine Obligationen habe? Gespart von der Sozialhilfe. Nicht einfach, wenn man von gerade mal achtzehntausend Belgischen Franken (vierhundert Euro) im Monat leben muß und ständig in Geldnot ist.

Boris lebt äußerst sparsam, sparsamer als gesund für ihn ist. Das Zimmer kostet ihn nicht viel Miete. Seine Kleidung stammt von der katholischen Armenhilfe. Sein Essen stellt er sich am liebsten aus Containern mit Abfällen von Metzgereien, Gemüseläden und Supermärkten und anderen Lebensmittelläden im Stadtzentrum zusammen. Zu einem Zahnarzt oder Arzt geht er nicht, denn er ist nicht versichert. Boris’ ganzer Stolz ist sein Sony minidisc recorder, der zusammen mit einem Sony Verstärker und CD-Spieler – wie ein aufgeschlagenes Meßbuch und Kelch auf einem Altar – auf einem Regal am Kopfende seines Bettes steht. Der minidisc, den er sich vom Mund abgespart hat, gilt als das Allerheiligste in dieser kleinen Schweißkapelle, dieser Mansarde unter dem beklemmenden, undichten Dach des sozialen Elends.

Boris strahlt. Seine braunen Augen glänzen hinter den ovalen Brillengläsern. Ich sehe, daß er die Lippen bewegt, nehme die riesigen Kopfhörer ab. Aus dem Fernseher kommt eine heisere, verzerrte Stimme, die mich an die Märchenkassette vom Rumpelstilzchen erinnert, die meine Eltern im Auto abspielten, wenn wir in die Ferien fuhren: „Zögern Sie nicht; bestellen Sie jetzt Fit‘n Fold Strider, um Zentimeter und Kilos zu verlieren. Unser Produkt macht Ihnen das Abnehmen leicht. Bestellen Sie jetzt Fit’n Fold Strider …“

Boris wiederholt seine Frage, immer noch genauso strahlend.

„Well, what do you think of the sound?“

Wer was hat, will mehr. Wer nichts hat, will viel mehr. „Momentan träume ich“, schwärmt Boris, „von einem Computer mit einer Software, mit der ich all meine Musik und Aufnahmen katalogisieren kann.“ Leider bleibt es beim Träumen, dabei, sich den Mund wäßrig zu machen, in Computerzeitschriften oder Werbeprospekten zu blättern und vergleichende Warentests auf dem Gebiet der allerneuesten Elektronik bis ins kleinste Detail zu erforschen. Er hat ein richtiges Studium daraus gemacht. Eine Lebensaufgabe. Je mehr er darin aufgehen kann, desto weniger hat er das Gefühl, daß ihn eine Schaufensterscheibe von dem Luxus in den Geschäften, die er so besessen abläuft, scheidet. Man könnte Boris als Konsum-Pilger bezeichnen. Er klappert Stadt und Land ab, um Hifi-Lieferanten, Computergroßhändler oder neue Elektronikläden zu besuchen, von denen er Prospekte bekommen oder Anzeigen gesehen hat. Je schicker die Ausstellungsräume, je unbezahlbarer die Modelle, je auffälliger die Anzeigen, desto mehr Freude empfindet Boris am hilflosen Aufsaugen seiner eigenen Illusionen. So lange er in ihrer Nähe sein kann, scheinbar oder teilweise partizipieren kann, gelingt es ihm vortrefflich, sich fiktiv an den neuesten technischen Finessen zu laben, die er in der Realität entbehren muß. Boris ist wie der Alkoholiker, der, wenn er im Spirituosenladen einen guten Whisky im Regal sieht, betrunken werden kann, oder wie der Drogensüchtige, der den Rausch bereits spürt, wenn er einen harmlosen Löffel oder ein Feuerzeug in die Hand nimmt. So lange er zu arm ist, um sich kaufen zu können, was er will, sind seine Wünsche sein Kapital. Geld für Bahn- oder Busfahrscheine hat er nicht. Er legt seine Ladenbesuche zu Fuß oder per Anhalter zurück.

II

Inzwischen ist es Oktober, und ich kenne Boris zweieinhalb Monate. Zeiten der Cholera und keiner Liebe. In seiner Heimat ist wirtschaftlich die Hölle los. Mein todkranker Vater liegt zu Hause in Nordbrabant im Sterben. Meine Freundin erwische ich eines Nachts mit einem andern im Bett.

Boris hat meine CDs, die er der Mühe wert fand, mehrfach kopiert. Dreimal. Zuerst hat er sie auf Cassette überspielt, dann auf seinen neuerworbenen Sony minidisc. Dabei ist etwas schiefgegangen, so daß er die Prozedur wiederholen mußte. Boris hatte sein geliebtes Gerät zu gründlich mit einem äthylhaltigen Zeug gereinigt. Verdattert erzählte er, alle Musik sei schwammig und verzerrt auf seine Scheiben gekommen.

Nach meiner Rückkehr von einem kurzen Aufenthalt in Brabant klebt ein Notschrei von Boris an meiner Tür. Er hat den Text mit dickem schwarzen Filzstift in großer Krakelschrift auf eine Seite aus einer Computerzeitschrift (What Hifi?) geschrieben. Über der Rubrik „Quality and Ergonomics“ lese ich:

Serge, please knock on my door

I’ve been waiting for you two days now

Your help ist desperately of need.

Boris

Ich eile die Treppe hinauf und klopfe im stickigen Flur des zweiten Stocks an seine Tür. Ich höre Gepolter. Ein Schlüssel wird umgedreht. Ich sehe ein Stück von Boris Brille. Er geht einen Schritt in den dunklen Flur hinaus und zieht die Tür hinter sich zu. Mit der rechten Hand macht er ein fächelnde Bewegungen, als wolle er Gestank vertreiben. „No, please, don’t come in. It’s because of the mosquitos. I don’t want them to come in …“ Draußen ist naßkaltes Herbstwetter, nur wenige Grad über Null. Die letzten Mücken wurden vor einem Monat an der Wand erschlagen. Boris fragt, ob er in fünf Minuten zu mir runterkommen könne.

Er kommt mit einem Brief der Berufungsinstanz für Flüchtlinge, North Gate II, E. Jacqmainlaan 152, Brüssel, in niederländischer Sprache. Er fragt, ob ich ihm den Brief übersetzen wolle. „It is very, very important für me. Please.“

Sein Asylantrag wurde abgelehnt, erzählt er, weil er bei diversen Verhören zu einigen entscheidenden Punkten widersprüchliche Angaben gemacht hatte. Er gibt zu, zu einigen Fakten „not quite the truth“ erzählt zu haben, „but I had no choice“. Als er vor drei Jahren als Illegaler bei einer Polizeikontrolle erwischt worden war, hatte Boris den belgischen Autoritäten weisgemacht, er sei aus der Umgebung von St. Petersburg geflohen, weil er als Jude wiederholt bedroht und von Antisemiten sogar mißhandelt worden sei, ohne auf Hilfe oder Schutz der lokalen Polizei rechnen zu können. Ich frage ihn, was „not quite true“ an dieser Geschichte sei. Kleinlaut offenbart er: I’m not jewish.“

Gegen diesen Bescheid könne in niederländischer oder französischer Sprache innerhalb von 14 Tagen Berufung eingelegt werden, per Einschreiben, lese ich. Da ich von Beruf Schriftsteller sei, sagt Boris, könne ich ihm bestimmt bei der Formulierung der Beschwerdeschrift helfen. Er selbst spricht nicht Niederländisch. „You are my last hope!“

Während wir den Brief entwerfen, regt sich Boris über die Polen, Letten, Tschechen auf, die sich hier unbehelligt eine Zeitlang aufhalten können, wohingegen Leute wie er höchstens ein Touristenvisum für ein oder zwei Wochen bekämen. Menschen aus Rußland begegne man überall in Westeuropa mit Mißtrauen, klagt Boris. Sie seien Bürger dritter Klasse. „Das belgische System zwingt mich dazu, manchmal die Unwahrheit zu sagen. Was ich zu Protokoll gegeben habe, entspricht nicht ganz der Wahrheit, das geb ich zu, aber ich hab mir auch nicht alles aus den Fingern gesogen. Wenn mich die Autoritäten in Westeuropa nicht als Europäer dritter Klasse behandeln würden, wenn ich mich wie andere Europäer frei bewegen könnte, wäre diese Notlüge gar nicht nötig gewesen.“

Boris Worte erinnern mich daran, was Gennadij Politschuk, ein russischer Schauspieler, auf einem Straßenfest im ehemaligen Rauschen (heute Svetlogorsk), einem Badeort an der Küste bei Königsberg, anläßlich der Ankunft des Literaturexpresses in Kaliningrad zu mir sagte. Gennadij öffnete eine Flasche Wodka, die er gerade an einem Stand auf der Svetlogorsk Pionersk, der Kaliningrader Konsummeile, gekauft hatte. Er behauptete, der durchschnittliche Monatslohn läge hier bei etwa vierzig Dollar, und seine Stadt sei „nach Grosny“ die häßlichste Stadt in Rußland. Gennadij kam etwas näher zu mir heran und sagte: „Die Regierung gibt es nicht zu, aber du mußt wissen, daß hier täglich sieben Menschen an AIDS sterben!“ Er brachte einen Trinkspruch auf die Verdammung und Vulgarität aus. „Za nas s vami, i za huj s nimi“ – For you and me the best, and all the others go to hell … Gennadij kringelte sich vor Lachen und sagte, die russische Seele sei trotz Armut und Elend „herzlich, großmütig und unergründlich“, und vor allem „sehr schwer zu tragen“. „Wir haben keinen Pfennig“, erklärte er, „aber wir sind das reichste Volk der Welt.“ Auf diesem Straßenfest kapierte ich deutlicher denn je, daß Europa immer noch ein Postschiff mit vielen Etagen und Klassen ist, und wie viele Europäer sich noch mit einem Plätzchen außerhalb des Decks begnügen müssen. Die Alternative? Ein Platz als blinder Passagier im Maschinenraum oder ein Job als Küchenhilfe oder Tellerwäscher. Die vergnügliche Freiheit, ungehindert in windgeschützten Waggons durch Europa zu rattern, die ich und meine Kollegen im Literaturexpress genießen konnten, steht im scharfen Gegensatz zu der Armut und Immobilität, die Gennadij und andere Europäer erfahren.

Vor gut einem Jahrhundert war es der Eiserne Kanzler, dem es schwerfiel, dem Brüsseler Bankier Georges Nagelmackers Zugeständnisse zu machen, der den Traum von einem Kontinent hegte, den man unbehindert über die Schienen bereisen konnte. Bismarck befürchtete, der Erzfeind Frankreich könne so eine Schienenverbindung für „feindliche“ Zwecke benutzen. Inzwischen ist die Fehde zwischen Berlin und Paris längst beigelegt, und beide Städte bilden die Achse, um die sich die Räder der EU drehen. Heute sind es die Regierungen der fünfzehn Mitgliedstaaten, die sich gegen Mit-Europäer aufbäumen, die aus „falschen“ (?) Zwecken nach Westeuropa reisen wollen. Der Eiserne Vorhang wurde durch den Brüsseler Vorhang ersetzt, der genauso strengbewacht und unmenschlich sein kann. Der Kalte Krieg ist zwar beendet, aber der Zwiespalt auf dem Kontinent besteht weiterhin. Jerzy Lugowoj, Hauptforstmeister im polnischen Nationalpark in Bialowieza, entdeckte im Juli 2000 zufällig einen Tunnel, den Menschen unter der Grenze zu Belorußland am graben waren. Ein Anachronismus aus der Zeit des Ostblocks, ist man gewillt zu sagen, der allerdings auch die Realität einer neuen Frontlinie in Europa aufzeigt. Die Grenze zwischen Polen (im Warteraum der EU) und Belorußland (abgelehnt) ist gesichert mit hölzernen Wachtürmen, elektronischen Sensoren und geharkten Flächen, um Fußabdrücke zu unterscheiden. Menschen, die versuchen, durch Tunnel oder sonstwie in den Westen zu fliehen, werden verhaftet. Nicht nur Belorussen, Russen oder polnische Schmuggler, sondern auch Kaukasier, Afghanen und Vietnamesen haben sich unter dieser Barriere zwischen Ost und West durchgezwängt. Die Thermodynamik der Flüchtlingsströme ist so erstaunlich und hartnäckig wie der menschliche Wille.

In den Wochen meiner Fahrt mit einem kulturellen Freibrief im Literaturexpress durch Europa versuchten Tausende von Menschen, ungesehen in das Fort Europa zu gelangen. Wie viele Männer, Frauen und Kindern es geschafft haben, ist nicht zu ermitteln. Die Statistiken sprechen nur von denen, die auf Autobahnen und Häfen aufgegriffen wurden, und Personen, die ihr Ausreisevisum mit dem Tod bezahlten.

Die zynischen Zahlen von sechs Wochen: achtundfünfzig Chinesen, die in Dover tot in einem holländischen Lkw angetroffen wurden; sie lagen zwischen Yakult-Flaschen, Cornflakes und Taco-Chips-Paketen, erstickt an ihren eigenen Ausdünstungen.

Achthundert Afrikaner, Kurden, Afghanen und Kosovaren, die an Felsen und Stränden der Straße von Gibraltar und der Adria angespült wurden, weil ihre seeuntüchtigen Boote untergingen, oder weil sie von Schmugglern über Bord geworfen wurden, die ihre Ladung lieber auf diese Weise löschten, als in die Hände der Küstenwacht zu fallen.

Dutzende verstümmelter Leichen, die in Italien und Frankreich auf den Autobahnen gefunden wurden, vermutlich, weil sie von Mitreisenden aus dem Lkw gestoßen wurden.

Drei Russen, die trotz ihrer Pullover, Mützen und gefütterten Wintermäntel erfroren und zermalmt wurden zwischen dem Fahrwerk einer Linienmaschine, in der sie sich versteckt hatten; sie hatten gehofft, auf diese Weise Schiphol, Heathrow oder Zaventem zu erreichen. Zwei erreichten ihr Ziel, sei es auch nur noch tot. Der dritte beinahe: Er landete als Eisblock auf einer Wiese bei Ouderkerk a/d Amstel, etwa zehn Kilometer vom Amsterdamer Flughafen entfernt.

Der nicht nachlassende Strom von Wirtschaftsflüchtlingen ist der Preis, den der Westen für seinen Fortschritt bezahlen muß. Die EU hat den Namen des Kontinents einfach für ihre politische Union und ihre Einheitswährung konfisziert, sie hat Europa geraubt – ohne sich um die Mit-Europäer zu kümmern, die bei dieser Entführung aus dem Boot zu fallen drohen oder schon gefallen sind. Daß viele jetzt wieder an Bord klettern wollen, ist nicht zu verhindern, so lange die fünfzehn Mitgliedstaaten der EU eine fundamentale Osterweiterung weiterhin auf die lange Bank schieben. Alle osteuropäischen Länder krümmen sich, um die Gunst der jetzigen Mitgliedstaaten zu erlangen, und werden letztlich doppelt so hart gedemütigt. Wenn ein Land das Vorrecht erwirbt, im Antichambre des Clubs für Mitglieder mit der Gold Card Platz nehmen zu dürfen, winkt Brüssel immer gleich streng und hochmütig mit einer achtzigtausend Seiten dicken Schwarte voller Regeln, die die neuen Mitgliedstaaten erfüllen müssen, bevor der Kuchen angeschnitten werden kann.

Wer nicht warten will, bis die EU sich endlich für Europäer außerhalb der Staaten des Schengen-Abkommens öffnen wird, wird vorläufig noch mit Ellbogen und Notlügen versuchen müssen, sich hineinzuzwängen. Boris Iljic ist einer davon. Er möchte jedenfalls noch acht Monate länger in Belgien bleiben. Bis Mai. Was soll er in Rußland, jetzt, wo der Winter vor der Tür steht? Im Land herrscht eine Krise, es ist kalt, es gibt keine Arbeit, seine Eltern und sein Bruder haben Mühe, den Kopf über Wasser zu halten, und überleben vor allem dank eines Gemüsegartens. „Die Lage“, sagt Boris, „ist aussichtslos und katastrophal.“ Ich frage ihn, ob er nicht daran gedacht habe, eine Belgierin zu heiraten, was die Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis bestimmt vergrößern würde. Das hätte er tatsächlich schon erwogen, aber leider sei er „nicht unbedingt der Typ, den man gern heiratet“. Verschmitzt, mit einem unsicheren Grinsen, das seine schwarzen Zahnstummel peinlich offenbart, lacht er: „Too many beautiful women, you know, ha ha.“

Während wir den Brief komponieren, gerät Boris immer wieder in Panik. Jedes Mal, wenn ich konkret auf seine Inkonsequenzen bei den Verhören eingehen möchte, die protokolliert und im Attest der Flüchtlingskommission aufgezählt sind, fleht er mich an: “Oh no! Please, no details! Don’t be specific! Remain as vague as possible.“ Als nach drei Stunden Puzzeln, Formulieren und Neuformulieren dann doch endlich ein Brief aus dem Drucker rollt, betrachtet er ihn betreten. Er entschuldigt sich demütig. „Sorry I took so much of your time“. Sorgenvoll schlurft er die Treppen hinauf und kommt wenig später mit einem Stapel Zeitschriften über die neuesten Hifi-Geräte, Videos, Computer und Spiele zurück. „Die leih ich dir“, sagt er, „weil du mir bei dem Brief geholfen hast.“

III

Am Tag darauf klopft Boris wieder an meine Tür. Nein, reinkommen wolle er lieber nicht. Er habe mit einem „very embarrassing problem“ zu tun. Er blickt um sich, ob im Treppenhaus niemand mithört. Flüsternd sagt er: „I have this terrible smell under my arms …“

Er schaut mich hilflos an. „I need something to kill the smell. I really want to kill it, you know.“

Ich frage ihn, ob er schon an ein Deodorant gedacht habe. Boris schüttelt den Kopf. Deodorant habe keinen Sinn. Es helfe nicht.

Ob ihm ein Apotheker keinen Rat geben könne? Zu teuer, sagt Boris. Und der würde ihm doch nur teures Zeug andrehen.

Vielleicht das Krankenhaus?

Boris nickt und erzählt, er kenne in Ostende eine Krankenschwester, die ihm letztes Jahr etwas Effektives gegeben habe. Leider habe er den Namen der Medizin vergessen. Es sei ein Puder gewesen, den er sich mit einer speziellen Kompresse unter die Fußsohlen und Achseln tupfen mußte. Das hätte geholfen. Aber der Name des Puders falle ihm einfach nicht mehr ein.

„Es soll eine Säure geben, die alle üblen Gerüche eliminieren kann“, flüstert Boris. „Does the name Bohr ring a bell? Bohr. You know what I mean? How do pronounce it, Booohhh, Borrrr?“

Meint er Niels Bohr, den Physiker und Erklärer des Periodensystems der chemischen Elemente? „Mit Säure würde ich aufpassen“, warne ich.

Ein paar Wochen später treffe ich ihn im Treppenhaus und erkundige mich nach seinen hygienischen Beschwerden. „Eutersalbe“, sagt er zufrieden. “Ich schmier mich mit Eutersalbe ein. Riecht gut, und ich schwitze weniger.“

Ich nicke. „Und was ist mit der Beschwerdeschrift?“

„Scheint in Ordnung zu sein. Ich kann vorläufig noch bleiben. Sie beraten erneut über meinen Asylantrag.“

Boris fragt, ob er mit mir mal nach Brügge fahren könne. „Da gibt’s einen neuen Hifi-Laden, den ich mir gern mal ansehen würde.“

Ich mache Boris einen Vorschlag: Ich fahre ihn zu diesem neuen Laden, wenn er mich zum Parkplatz Jabbeke an der Autobahn Brüssel-Ostende begleitet.

„Warum?“ fragt er mißtrauisch.

„Ich brauch dich als Dolmetscher“, sage ich. Der Parkplatz ringsum der Fina-Tankstelle ist bekannt als Treffpunkt verschiedener Schlepperbanden. Osteuropäische Lkw-Fahrer tanken und rasten dort, bevor sie den Kanal überqueren. Last stop before England wird der Platz genannt, oder Transitstreifen. Nachts ist der Parkplatz außer einem Rastplatz für Lkw-Fahrer auch ein Einsteigeort für Flüchtlinge, die einen letzten Versuch wagen wollen, den Kontinent hinter sich zu lassen. Sie warten auf den richtigen Moment, den verabredeten Transport, oder fügen sich zu Familienangehörigen oder Schicksalsgenossen, die sich in einem Lkw eingeschlossen haben.

„Willst du nach England?“ fragt Boris mit großen Augen. „Du hast doch einen Schengen-Paß?“

„Ich möchte einen Artikel über den Parkplatz schreiben.“

Boris nickt bedenklich und fragt, wieviel Geld ich mit dem Artikel verdiene. „Nun ja … vielleicht hab ich noch interessante Informationen für dich“, sagt er schließlich. Nach Jabbeke würde er mich begleiten, aber mit der Polizei wolle er nicht in Berührung kommen.

Jährlich gehen der Polizei bei Kontrollen auf diesem Parkplatz Hunderte von Illegalen ins Netz. Mike O’Brian, der englische Minister für Emigration, hat vorgerechnet, daß jedes Jahr mindestens achttausend Flüchtlinge in Trucks illegal in sein Land geschmuggelt werden. Für O’Brien ist das Maß übervoll. Er kündigte schwere Geldstrafen für Lkw-Fahrer an, in deren Truck Illegale entdeckt werden. Pro blinder Passagier rund sechstausend Gulden.

Englische und belgische Transportvereinigungen reagierten böse. „Das ist doch so, als müßte man bezahlen, wenn bei einem eingebrochen wird.“ Die meisten Fahrer wissen nicht, daß sich Menschen zwischen der Ladung versteckt haben, weil die natürlich versuchen, ungesehen in den Lkw zu kommen. Die blinden Passagiere kriechen überall dazwischen, sie werden sogar unter dem Fahrgestell oder auf dem Dach gefunden, wo sie die Deckplane aufschneiden. Das sind manchmal lebensgefährliche Zustände. Die Flüchtlinge werden zwischen den Rädern oder von der Ladung zerdrückt oder ersticken an Sauerstoffmangel.

„Diese Leute schneiden die Plane auf“, weiß Boris. „Mit einem Stanleymesser. Dann nähen sie alles mit Nadel und Faden wieder zu, so peinlich genau wie möglich, so daß die Spuren des Eingriffs kaum noch zu sehen sind. Das dauert ungefähr eineinhalb Stunden.“

„Woher weißt du das?“

„Ich hab in einem Asylantenheim in Ostende nah beim Hafen gewohnt. Da sind ständig Mitbewohner so nach England verschwunden. Sie haben in ihren Zimmern über ihre Pläne für die Überfahrt gesprochen.“

Neben den Fahrern, die ungewollt mit blinden Passagieren in Berührung kommen, gibt es auch Lkw-Fahrer, die über ihre illegale Ladung Menschenfleisch sehr genau Bescheid wissen. Menschenschmuggel ist ein äußerst lukratives Geschäft, mit dem noch mehr Profit zu machen ist als mit Drogen. Immer mehr organisierte Banden verlegen sich darauf. Transporteure können bei einem Transport zwischen ein- und sechstausend Dollar „pro Kopf“ verdienen. Das macht dem einfachen Truck-Fahrer nur noch mehr angst. Wie beweist man der Polizei, daß man wirklich von nichts wußte? Einige Transportfirmen in Belgien lassen ihre Fahrer nur noch per shuttle durch den Kanaltunnel in Calais fahren, wo die Trucks automatisch mittels Wärmededektoren kontrolliert werden. Früher wurden die nur benutzt, um zu kontrollieren, ob Fahrer Tiere dabei hatten. Jetzt verwendet man sie auch für Menschen.

IV

„Nothing going on“, sagt Boris, als ich meinen gelben Lieferwagen auf dem Parkplatz abgestellt habe. Wer sehen uns das Ganze eine Weile an, ohne daß etwas Nennenswertes passiert. Boris will zu dem Hifi-Geschäft in Brügge. Er weigert sich, auszusteigen. „Hier sind keine Russen“, sagt er. „Und polnisch kann ich nicht.“

Ich versuche mit einem polnischen Lkw-Fahrer ins Gespräch zu kommen, der seinen Truck gerade mit Diesel volltankt. Obwohl ich nur einen Meter von ihm wegstehe, behandelt mich der Mann, als ob ich Luft sei. Er schaut durch mich hindurch. Aus der Kabine steigt eine Frau mittleren Alters mit einem Topf in der Hand. Viele osteuropäische Trucker nehmen ihre Ehefrauen auf die Fahrten mit. Zum einen, weil sie so lange von Zuhause weg sind, zum anderen, weil sie oft kein Zuhause haben. Sie wohnen in ihrem Truck. Ich gehe einen Schritt zur Seite, um der Frau Platz zu machen, und stelle mich neben die Zapfsäule des Polen. Als ich den Mann anspreche, schüttelt er resolut den Kopf.

Der Fahrer der Transportfirma Kadar Trans aus Budapest ist gesprächiger. In schlechtem Deutsch erklärt er mir, daß er seinen Lastwagen immer peinlich genau kontrolliere, bevor er nach einem Ruhe- oder Tankaufenthalt nach Ostende oder Zeebrugge weiterfahre. Er habe nie Illegale an Bord gehabt, da sei er sich ganz sicher. „Bei mir keine Chance“, sagt er. Der Fahrer führt mich um seinen Wagen herum und zeigt mir den Inhalt seines Trailers. Leer. Um sicher zu sein, daß sein Wagen unbehelligt gelassen wurde, befühlt der Ungar gewöhnlich die blaue Plane, die über seine Ladung gespannt ist. Unebenheiten kann man nicht immer sehen, vor allem, wenn es dunkel ist. Auf der rechten Seite des Trucks fällt auf, daß die Plane an einigen Stellen gerissen war und repariert wurde. Die Einkerbungen, sagt der Fahrer, kämen vom Verschleiß oder scharfen Holzsplittern der Paletten, die beim Be- oder Entladen die Plane beschädigt haben. Die Risse seien zu grillig, um mit einem Messer verursacht zu sein. Durch die winzigen Öffnungen könne sich kein Mensch durchzwängen.

Ich fahre mit Boris weiter, auf die E 40, zum Hafen in Ostende, dem Teil mit langgestreckten Kais und Lagerhäusern, wo die Trawler vertäuen und die Fischversteigerung stattfindet. Hier verarbeiten Fischgroßhändler den frischen Fang und distribuieren ihn an den Einzelhandel und Supermärkte. Aber auch Privatpersonen können dort vorteilhaft Austern, Miesmuscheln, Krebse, Krabben, Langusten, Kabeljau, Lachs und Rochen kaufen, oder geräucherten Heilbutt.

Die Halle der Fischversteigerung macht einen heruntergekommenen Eindruck. Viele Fischer lassen ihre Fänge heutzutage lieber in fremden Häfen versteigern. Das bringt mehr ein und kostet weniger Zeit. Die Schiffe legen bei Fischversteigerungen an der englischen und dänischen Küste an, näher bei den Meeren, wo die Netze ausgeworfen werden. Immer weniger Schiffe fahren zu der Versteigerung im Hafen von Ostende zurück.

Ich parke mein Auto vor der Fischgroßhandlung Hector Erebout. Boris erzählt, er habe hier immer Fischköpfe und andere Reste von Lachs und Heilbutt für die streunenden Katzen in Ostende geholt. „Und für mich selbst.“ Er erklärt: „Die Fischköpfe mit noch ziemlich viel Fleisch dran taucht man in einen Topf mit lauwarmen Salzwasser. Sie müssen mindestens einen halben Tag in den Pökel, besser einen ganzen. Dann ißt man die Köpfe roh mit Senf und Schwarzbrot, oder man macht eine Suppe daraus. Schmeckt lecker und kostet nichts.“

In Gent gebe es leider keine Fischgroßhandlung, sagt Boris, und die luxuriösen Fischgeschäfte im Zentrum seien nicht so großzügig, einen russischen Asylanten in ihren Abfällen kramen zu lassen wie die Fischer und Fischhändler in Ostende.

In der überdachten Versteigerungshalle stehen weiße Kühldosen aus Styropor, vollgepackt mit unbrauchbaren Fischresten, hauptsächlich Schwänze, Gräten und graublauen Köpfe mit hervorquellenden, glasigen Augen. Möwen segeln über das Wasser und kreisen kreischend über den Kai. Boris steckt Lachsköpfe in eine Plastiktüte. „I love that soup that I make from fish-head“, sinniert er. „It’s so tasty.“

Wir steigen wieder ins Auto, fahren an den Kais entlang über die Zugbrücken bei den Fähren zu einem unbewachten Parkplatz für Anhänger, der der Ostend Cargo Handling Services gehört. Boris sagt, hier würden Flüchtlinge nachts versuchen, in die Anhänger zu kommen. Die anderen Parkplätze seien zu gut gesichert und ausgestattet mit meterhohen Zäunen und Videokameras.

Ich beginne ein Gespräch mit einem Trucker, der gerade dabei ist, einen Anhänger zu entladen. Der Mann spricht westflämischen Dialekt, trägt einen Kranzbart, und verweist mich nach Zeebrugge. „Dort kriechen die meisten in die Trucks. Leg dich da mal auf die Lauer. Bei mir findste keinen.“

Wir fahren ans Meer, am Leuchtturm, einem kleinen Yachthafen vorbei, in dem auch eine Baggerschute vertäut ist. Wir parken das Auto auf einem Sandweg, der zu einer alten militärischen Zitadelle führt und in der sich jetzt eine Hundetrimmschule befindet. Auf der Stoßstange eines Geländewagens klebt ein Sticker mit dem Text: „Tiere haben auch Gefühl.“ Herrchen mit ihrem Bello, Lupo oder Bruno hintendrin fahren vorbei. Links unter uns liegt der Strand, rechts die Dünen mit Bunkern, die die Deutschen gebaut haben. Auf einer Holztafel wird aufgezählt, was hier alles angespült wird: diverse Schalen- und Krustentiere, Quallen, Tintenfische und verschiedene Treibholzarten. Was nicht draufsteht: Asylanten. Aber die werden hier auch angespült. Vom Staat bezahlte Strandaufseher sammelten bis vor kurzem ganze Busladungen ein und brachten sie in ein Gebäude, das weiter oben an der Küstenbefestigung liegt, versteckt zwischen den Dünen. Boris hat dort fast zwei Jahre gewohnt.

Dieses Asyantenzentrum wurde nach Fabiola, der früheren belgischen Königin, benannt; es hat drei Stockwerke, Außengänge mit Aussicht aufs Meer, große Fenster, und gehört zu einem desolaten Kasernenkomplex, der früher als Militärhospital diente. Sowohl das Hospital als auch das Asylantenheim sind inzwischen verwaist und werden zum Kauf angeboten. Die grauen Gebäude sind eingezäunt, Tafeln warnen davor, daß das Gelände von Wachhunden und Soldaten bewacht wird. Links davon, halb in den Dünen, steht ein hölzerner Wachturm, der einen großen Teil der Kasernen überblickt. Hierdurch bekommt der ganze Komplex etwas von einem verlassenen Kurort als auch von einem Konzentrationslager. „Look, wasn’t ist nice!“ Boris stößt einen tiefen Seufzer aus. Er kam hier Ende 1994 in einem von der Ausländerpolizei gemieteten Reisebus an, der wöchentlich von „Klein Kasteeltje“ (Kleines Schloß), dem zentralen Asylantenheim in Brüssel, in Richtung Küste fuhr. Die Buslinie wird vom Personal in Klein Kasteeltje zynisch „the delivery-line“ genannt; der Lieferservice, der Asylbewerber abliefert wie Pakete oder Pizza, bis vor die Haustür. Fabiola war die Endstation. „Die Aussicht auf England kriegte man gratis dazu“, sagt Boris. „Morgens stand ich auf, machte die Vorhänge auf, blinzelte den Möwen zu, und pißte vom Balkon. Waaauuu, das waren Zeiten!“ Der Russe stampft in den Sand und spuckt, die Hände in den Hosentaschen. „Als ich hier ankam, hatte ich kaum Augen für die Aussicht, die hinausfahrenden Schiffe, die Umrisse der Stadt auf der anderen Seite des Hafens. Ich hab versucht, Arbeit zu finden, hatte mich in eine Asylbewerberin, eine Russin in meinem Alter, verguckt. Ich hockte in den Kneipen und trank Bier, fütterte Fischköpfe an die streunenden Katzen. Es war eine schöne Zeit.“

Ich frage ihn, warum er damals weggegangen sei. Boris sagt: „Im Russischen gibt’s ein Sprichwort: In einem schönen Haus wohnt man schön, aber gegenüber wohnt man noch schöner.“ Später bekennt er: „Die Liebe war der Grund. Als es aus war mit der Russin, wollte ich hier nicht mehr bleiben.“ Boris spuckt kräftig aus. „Frauen wollen Beständigkeit. Ich bin kein Mann für lange Beziehungen.“ Er lacht bitter. „Eher ein Mann, der Probleme macht.“ Er zog in eine Vorstadt von Gent. Warum gerade Gent? „Wenn man im Dreck lebt, wird man von selbst dreckig“, sagt Boris. „Ich wollte nicht im Dreck leben. Der Dreck, das ist die große Stadt. Antwerpen oder Brüssel, Freihafen mit zu viel russischer Maffia. Ich würde bestimmt Angebote bekommen, um was dazu zu verdienen, Angebote von Landsleuten, und es wäre viel zu schwer, nein zu sagen. Russen aus Antwerpen oder Brüssel geh ich aus dem Weg. Ich meide sie.“

Boris möchte nicht mit hineingehen. Er hat schlechte Erfahrungen mit einem Bewacher, der dagegen war, daß Boris die stinkenden Fischköpfe in einer Kühlbox im Haus aufbewahrte.

Ich stehe auf der Hinterterrasse des Gebäudes und sehe, daß die Treppen zu den Außengängen mit Stacheldrahtrollen versperrt sind. Ich spähe durch dreckige Fenster, sehe einen verlassenen Raum mit weißen Küchenschränken und einer rostfreien Spüle, Linoleum auf dem Fußboden, alles verdreckt und verstaubt. Die Küchentür steht auf, dahinter kann man die Kasernen sehen. „Alles leer“, sage ich zu Boris, der sich auf eine Mauer gesetzt hat. „Auch keine Betten? Da standen Eisenbetten! Und Spinde!“ „Alles leer.“

Der Wind bläst uns durch die Haare. Boris fragt, ob wir jetzt endlich nach Brügge fahren können. Er spuckt in den Sand und steckt sich eines seiner klebrigen, länglichen Bonbons in den Mund. „Hier würde ich gern wohnen“, sinniert Boris, als wir durch die gepflegten, düsteren Straßen Brügges fahren. Er bittet mich, ihn vor einer vornehmen Villa abzusetzen. Ich solle im Auto auf ihn warten. „Eine Privatangelegenheit“, deutet er an. Eine Viertelstunde später kommt er betreten wieder heraus. Sein russisches Fluchen klingt wie das Knattern eines kaputten Vergasers. „Der Wert meiner Obligationen ist im Keller“, erklärt er. „Eine gute Geldanlage, hatte man mir versprochen. Pfff!“

Wir essen an einer Holzbude auf dem großen Markt Pommes mit Ketchup. Jugendliche drehen Runden auf der Eisbahn. Housebeat dröhnt uns entgegen. Wieder im Auto läßt Boris eine Tirade auf Amerika los, „where blacks are kings.“ Er würde nie nach Amerika gehen, wegen der Schwarzen. Schwarze seien zu unbändig. „They are so rude, they behave like apes …“ Er liebe Menschen, die beherrscht sind. Menschen, die einen kühlen Kopf bewahren.

Auch die Finnen müssen in Boris’ Schimpfkanonade daran glauben. Finnland sei eigentlich immer eine Provinz Rußlands gewesen. Er wisse Bescheid, denn seine Familie habe eine Datscha in Karelien an der Grenze zu Finnland.

In dem schicken Hifi-Geschäft hat Boris keinerlei Hemmungen. Er hüpft herum wie ein ausgelassenes Kleinkind und bombardiert den Verkäufer mit detaillierten Fragen. Der Mann kratzt sich hinterm Ohr, bittet Boris, in einem weichen Sessel Platz zu nehmen, und kommt wenig später mit Prospekten und Kaffee wieder. Gut gelaunt läßt sich Boris die Finessen des allerneuesten Denon-Tonträgers erklären, nickt zufrieden, als er seinen Kaffee getrunken hat, und grüßt die Verkäufer, die uns verblüfft nachschauen. „Komm, Serge, laß uns gehen. Dieses Geschäft entspricht nicht meinen Vorstellungen.“

V

Einen Monat später strömt Wasser durch die Decke. Boris hat die Dusche überlaufen lassen. Er kommt mit Eimer und Putzlappen die Treppe herunter und entschuldigt sich in allen Tonlagen. „I had a blackout“, sagt er. Das Wasser rinnt sogar von den Stufen. Einen Tag später wieder das bekannte Klopfen an meiner Tür. Boris zeigt mir ein Bügelbrett und eine fahle Schultertasche. Er fragt mich, ob ich das Zeug kaufen möchte. „Ich brauche Geld, weißt du …“

Boris sagt, er wolle seinem Vater in Rußland ein Hörgerät kaufen. Dafür habe er seinen über alles geliebten Besitz, den Sony minidisc, bereits an das Studentenpaar, das ihm gegenüber wohnt, verkauft. „For quite a good price“. Jedoch nur unter der Bedingung, daß er sich das Gerät ab und zu ausleihen könne. Pech, daß es der junge Mann seinem Vater zum Geburtstag geschenkt hat. Das Gerät stehe nun irgendwo im Wohnzimmer in einem abgelegenen Dorf in Westflandern. Bevor ich die Tür wieder schließe, fragt mich Boris, ob ich an seinem Pioneer-Fernseher interessiert sei. Er denke an einen Freundespreis von zehntausend Belgischen Franken (zweihundert Euro). Ein Schnäppchen, sagt er, er selbst habe das Doppelte bezahlt, und das Gerät sei wie neu.

„Wird’s dir nicht leid tun?“

„Vielleicht kann ich ab und zu die Börsenberichte bei dir sehen …“

Sieben Tage später hat sich Boris in seinem Zimmer mit ein paar Dosen Bier eingeschlossen. Ich möchte ihn zum Abendessen einladen, doch er lehnt dankend ab. „Ich kann nicht alles verraten, aber das sag ich dir: Bill Clinton, der dumme Esel, ist mein bester Freund, ha ha ha! Durch seine Dummheit hat er mir sehr geholfen, hi hi. Ausgezeichnet! Mehr kann ich nicht sagen, mir ist schwindlig vom Bier. Nächstes Mal, wenn ich nüchtern bin, erklär ich dir alles … Übrigens, fährst du demnächst mal nach Antwerpen?“

Er fragt mich auch, ob ich ihm Salz borgen könne. Nicht zu wenig, denn er habe sich Lachsköpfe besorgt und sei gerade dabei, den Pökel zu bereiten. „Morgen bring ich dir eine Portion“, verspricht er, „wenn der Fisch weich genug ist.“

Boris hält sein Versprechen nicht, denn am nächsten Tag stellt sich heraus, daß Boris bei Nacht und Nebel abgehauen ist. Der Lachskopf bleibt mir erspart.

VI

In seinem Briefkasten häufen sich Briefe der Berufungsinstanz, der Ausländerbehörde und der Investmentgesellschaft De Moor, De Perre & Van Mys. Auch die Hausverwalterin, Mevrouw Jeanette, hat keine Ahnung, wo ihr russischer Mieter abgeblieben ist. Ist er zurück nach St. Petersburg gefahren zu seinem kränkelnden Vater und seinem arbeitslosen Bruder? Ist er vor dem „Dreck aus Antwerpen oder Brüssel“ geflohen? Hat er unerwartet das große Geld an der Börse gemacht?

Beunruhigt oder entsetzt ist sie nicht. Boris schuldete ihr keine Miete, und sie hat noch genug Studenten, um davon leben zu können. Wenn sich ein neuer Mieter für das winzige Zimmer findet, hat sie Glück. Wenn nicht, tant pis. Oben muß sowieso mal renoviert werden. Den Pioneer Fernseher, den sie in meinem Arbeitszimmer sieht, möchte sie wiederhaben. Sie habe ihn Boris geliehen, weil er kein Geld und keine Freunde gehabt hätte. „Ein Fernseher vertreibt die Stille“, weiß Mevrouw Jeanette. „Dieser arme, russische Mensch war einsam, stimmt’s? Das sah man schon von weitem. Und man hat’s gerochen, stimmt’s? Ein Glück, daß er meinen Fernseher nicht mitgenommen hat.“


Lisektion per Kolposkop

Ubersetzung: Gregor Seferens


Ich schau über das Wasser der Van Hallstraat. Jogger mit Mützen auf dem Kopf, Leute, die den Hund ausführen. Ebenfalls mit Mützen auf dem Kopf. Auf der gegenüberliegenden Seite Fahrradfahrer. (Hat sich seit meiner Geburt irgend etwas verändert? Sah die Stadt nicht genauso aus, vor dreißig Jahren?) Das Leben zieht leise vorüber, fahrradfahrend, joggend. Man versucht, sich fit zu halten. Arme Schweine, krankhaft Konservative, in ihren Körpern Herumirrende.

Der Nachbar läßt seinen Hund auf die Tauben los, das ist das einzige Mal, daß ich den Hund mit Vergnügen vorüberrennen sehe. Die geflügelten Ratten fliegen auf.

Norioco schickt mir ein Princess of Darkness-Album (Hot Milk Mangerotica Comix) als Überraschung. Ein Manga-Heft über das Schulmädchen Kurohara, das kleine, flache Brüste hat und sich blutigen Penetrationen durch wüste, virile Dämonen unterziehen muß. Außerdem werden ihr scharfe Steine in die Möse gehämmert, und ihre Brüste werden mit kleinen Nietnägeln angenagelt. Will Norioco mir hiermit etwas sagen?

Als wir uns kennenlernten, gab sie mir ihre Buisnesscard; ein plastifiziertes Schwarzweißfoto, auf dem die Rümpfe von zwei Frauen zu sehen waren. Der eine urinierte auf den anderen. “Die andere war meine Freundin … “, sagte sie zur Erklärung. “Auch eine Künstlerin.” Wollte sie mir damit etwas sagen?

Menschen können nie einschätzen, welche Position sie bei jemand anderem einnehmen. Sie erhoffen zuviel oder vermuten zuwenig. Versteht Norioco mich, wenn ich ihr sage, daß sie für mich der einzige Grund ist aufzustehen? Daß sie für mich Essen und Trinken, Wurm und Apfel ist? Das Höchste, das erreichbar ist, die Frucht der Früchte.

Wir schliefen zusammen. Hinterher, nachdem wir mehrere Orgasmen gehabt hatten, sagte sie: “Eines steht fest, die Männer werden uns Frauen nicht überleben.”

Ich habe ein paar Sechziger-Jahrgänge von Vogue und Playboy kopiert und für unsere Webgalerie gescannt. Mach ich es mir zu leicht? Leichter als früher? Ich spüre, daß ich allmählich die Energie verliere. Sollte jemand meine Energie aus den Fibern saugen? Aus den Fasern?

Brüderchen hat eine Idee für unser Büro: Er will Holle Bolle Gijs nach Ägypten holen. Holle Bolle Gijs im Pyramidenland, das hält er für eine Wahnsinnssache. Zum Geburtstag schenke ich ihm eine batikblaue Vakuumpackung getoastetes Brot von Bolletje.

Er versteht den Hinweis nicht, dieser sucker . Und so was nennt sich Konzeptkünstler, sag ich verächtlich. Es ist, als hörte ich Noriocos bissige Stimme in meinem Ohr. Is she my sister, my dear, the one who died before?

It’s all a matter of concept, of ideas.

Noch zu erledigen: ein italienischer Fotoroman, ein Feuilleton, ein Hö rspiel für das Web.

Die Zeit beginnt zu drängen. Ich tippe meine Ideen mit dem Herz auf der Zunge. Ehrlichkeit und Nüchternheit.

Es juckt, es brennt, und seit ein paar Tagen blute ich zwischen den Beinen. Ich blute nun schon seit einer Woche.

Gespräch mit dem Gynäkologen:

–          Was sind Sie, was ist Ihr Beruf?

–          Plunderproduzentin. Bitch der Bits und Bites. Webmistress, Pardon, Kunstarchivarin. Bildmanipulatorin. (“Ich weiß es selbst nicht, Doktor”; und ich log nicht, als ich dies sagte.)

Die Nachricht aus dem Labor – eine Woche später:

–          Da ist Gewebe, das dort nicht hingehört.

–          “Wo gehört es denn hin?” wollte ich fragen. Doch diese Wö ;rter behielt ich zum Glück für mich.

Zu Hause lasse ich den Bericht an mir abgleiten, starre aus dem Fenster, auf das Wasser vor der Ufermauer. Sehe ein Ente, die taucht, die mit einem zappelnden schwarzen Fisch im Schnabel wieder hochkommt.

Alles schien geregelt und vorherbestimmt. Box-office Hits sollten folgen, in der nächsten Saison, so jedenfalls die Vorhersager, die es wissen muß ;ten. Das Jahr des Durchbruchs. Hurra! Die Welt der Galerien summte. Einladungen lagen bereit. Manchmal hatte ich Lust, unseren ganzen Laden in Rauch aufgehen zu lassen – Feuer (und das natürlich zu filmen), oder den Atelierschlüssel einfach ins Wasser zu werfen und fortzugehen, fü r lange Zeit, um dann ein völlig anderes Büro wiederzufinden, wenn ich zurückkam, drei Jahre später, wenn mich hier niemand mehr kennen würde. Drei Jahre oder so. Und jetzt das.

Zur mütterlichen Abschiedstournee nach Brabant gereist. Konsekutive Zeremonien. Ich habe viel über mich selbst gelernt, wo ich Gott verdammt nochmal eigentlich herkomme, aus welchem Flammennest ich emporgestiegen bin, ich, the ultra mega light blond, polycolored girl. Ich, die superplastik Sphinx. Hoffnungsvoll! Was ich in all den Jahren vermißt hab, ist meine Mama (sie will nicht, daß ich Mutter sage; ein Alterskomplex, meine Ma! – den kriegt man, wenn man zwei Jahrzehnte in einem Pflegeheim als Leiterin der Seniorenabteilung gearbeitet hat).

Wird in so einem Altersheim überhaupt etwas anderes als Abschied gefeiert? Große Abschiedshäuser sind sie; Abschied ist das tägliche Pensum der Alten. Besucher, die kommen und gleich danach wieder gehen, Freunde, Ehegatten, die sterben. Alt werden ist eine Full-time-Ausbildung, und der eigene Grabstein ist das Diplom. Wer diese Ausbildung macht, besteht die Prüfung garantiert. Die Mächte bürgen dafür.)

Hunderte von Alten, Faltigen, die ihr mit Tränen in den Augen (wie traurig!), Mama Lebewohl sagten, die mit Zwei-Gulden-Fünfzig-Münzen in Umschlägen Abschied von ihr nahmen. Tränen kullerten aus den alten Kuckern voller Star. Augen, die sie vielleicht besser kennengelernt hatten als ich – ich denke an das Frauchen, das mit knarrender Stimme zu mir sagte: Ein bißchen ist sie ja auch unsere Mutter! Hi hi hi … Die Stimme der Gegensprechanlage wurde sie genannt. “Schwester Van Beijnum spricht zu Ihnen!” Ihre Stimme, die omnipräsent …  Wenn man es genauer betrachtet, erklärt dies meine Internet-Ambitionen, denke ich.

Jetzt kann meine Mutter selbst damit anfangen, alt zu werden, und dann, spä ;ter, auch den Berichten aus der Gegensprechanlage lauschen und eine Ausbildung im Abschiednehmen absolvieren.

Den Rest des Wochenendes habe ich damit verbracht, dieses unumgängliche Schicksal, das mir in Brabant deutlich wurde, zu akzeptieren; Sonntagmorgen saß ich am Computer, als ich aufsah, war es dunkel. Er wacht. Über mich. (Der Mond).

Hier liege ich, blutend und tropfend. Etwas Gewebe weggeschabt, gebrannt. Die Klemme so auseinandergeschraubt, daß gearbeitet werden konnte. Ö rtliche Betäubung. Schnabelzange. Brüderchen, der meine Hand hielt. Fotos machte. Videoaufnahmen. (Da machen wir etwas Schönes draus, sagte er.)

Es muß etwas mit dem universellen Muttergefühl zu tun haben. The womb thing. Und mit meinem Anti-Baby-Pille-Futtern in der Zeit, als ich noch mit Männern. Mit meinem Karrieredenken. Mit meinem babyhassenden Selbst. Und dem dazwischen klaffenden Loch .

Immer noch etwas schwindelig nach der Operation. Nicht, daß es schlimm gewesen wäre, nein, das gar nicht. Ich schloß die Augen, weil ich lieber doch nicht sehen wollte, was da passierte (typisch unsere Generation: will die Greulichkeiten aufzeichnen und für künstlerische Zwecke benutzen, kann sich aber das, was sie aufzeichnet, in rl nicht ansehen. Kann sich nicht ansehen, was sie erlebt. Doch die medizinische Wissenschaft will, daß ich mich dieser Prüfung unterziehe und meldet jeden Schritt, den sie unternimmt, kündigt Grausamkeiten an wie:

vaginale Injektionen, matrixale Anästhesie (Rückenmarksnarkose), blutige Exzisionen, elektrische Exstirpationen (Wegbrennen), anschwellende Blutgefäße

Was rausgeholt wurde (dort bei mir; der chirurgische Abfall. Nenn es das Mineral, das in meinem Innersten geschürft wurde. Die Späne aus meinem Körper), ist ganz wenig. Komisch nicht, sobald es aus deinem Kö ;rper heraus ist, ist es nicht mehr von dir. Unsere Exkremente betrachten wir auch lieber nicht. Ich jedenfalls nicht. Ich ganz bestimmt nicht, ein instinktiver Ekel, der Geruch von Fäulnis (aber auch den steifen Penis eines Mannes, die geschwollenen Satyradern eines Jungen, sehe ich lieber nicht).

Mit den verbrannten Gewebespänen, dem Hautstück (blaurot, schwarz) aus meiner Gebärmutter ist es genauso. Was bleibt von der ganzen Operation? eine Schramme im Allerheiligsten dort unten, in demjenigen, was bei Herodot so hübsch umschrieben wurde als das, “was von einem Mann nie offen und nackt betrachtet werden darf”. Dominia.

Nach einer Viertelstunde hektischem Relaxens, nervösem Relaxens, Zur-Ruhe-Kommens, stand ich auf, ging aus dem Operationssaal, erleichtert. Alles ist gut, dachte ich, alles ist gut. Doch auf dem Weg zur Toilette wurde ich ohnmächtig. Brüderchen eilte mir zur Hilfe. Das einzige, woran er denken konnte, war die Frage, ob er jetzt auch Fotos davon machen sollte, wie ich dalag, zusammengebrochen und definitiv am Ende (buisness as usual – stellt er dies als Überstunden in Rechnung?). “So seh ich aus, wenn ich betrunken bin”, sagte er, als ich im Krankenhausbett, in das mich das Pflegepersonal nach einer kurzen Untersuchung gelegt hatte, wieder zu Bewußtsein kam. Er lehnte am Türrahmen und sah mich fest an. Auch er betrachtet dies als ein Opfer. Ich weiß, wie groß sein Ekel vor weiblichen Intimitäten ist. Ihm wird davon regelrecht schlecht. Aber er hat es gemacht, für mich. Für dich, Honey, Süße, Mondmädchen, für dich, meine beste und einzige Freundin.

Nach der Operation folgte eine nebelhafte Zeit, frei.

Gleichzeitig war ich emotional hypergespannt, hoch zehn. Eine Granate, die jeden Moment explodieren konnte. Ich weinte, als ich einen Artikel über Barby las, die schon wieder nach den neuesten Bodynormen ummodelliert werden mußte. Ich fühlte mich, als sei ich gerade aus Asien wiedergekommen. Das Büro war zu weiß, zu sauber, zu groß. Die tägliche Arbeit, die Aufträge schienen mir alles andere als dringend zu sein. Ich beschäftigte mich nur mit Buchhaltung, mit meinen E-mails der letzten Tage. Offensichtlich wußte niemand etwas von der Operation. Wie unser Buchhalter sagt: “Künstler haben keine Freunde, nur Geschä ftsbeziehungen.” Und das sagt der Mann, während er all unsere Getränke-, Restaurant- und Partyrechnungen unter der Rubrik ” Repräsentation” verbucht. Keine Freunde, nur Beziehungen. Willkommen in der Welt der Feinde und Knowbodies.

Warum träume ich so oft von meiner Mutter? Von meinem Vater, der hinter der Tür spioniert. Von meinem Bruder, der mit einem Rums die Badezimmertür öffnet, über mein Schamhaar lacht und sich unten vor dem Fernseher einen runterholt. Immer noch lebe ich in einem Mädchenzimmer. Ich träume immer noch wie ein Mädchen, ich lebe immer noch so. Immer noch dieselben Ängste, Alpträume. Immer schon hatte ich mein eigenes kleines Universum. Mein Mädchenzimmer hatte ich mit Postern von Grease , einem Plattenspieler, Spiegelkugel, Lichtorgel, schwarz gestrichener Zimmerdecke eingerichtet. Meine eigene kleine Raumkapsel.

Ich hatte das starke Gefühl, nicht zu der Familie zu gehören, in der ich aufwuchs und deren Mitglieder sich meine Eltern und mein Bruder nannten. Ich war fest davon überzeugt, daß ich woanders herstammte, aus einem anderen Sternensystem, versuchsweise hinuntergeschickt aus dem Weltraum, dieses Gefühl hatte ich als Mädchen. Daß meine Eltern nicht meine Eltern waren. Mein Geist, der nicht ihnen gehörte. Ich mißtraute ihnen. Ich war mir sicher, daß man mich aus der Ferne, aus sehr großer Ferne beobachtete.

Eigentlich habe ich dieses Gefühl immer noch.

Erstaunlich, wie stark Norioco im Vergleich zu mir ist. Ich zweifle an allem. Sie zweifelt nie. Nicht an sich selbst, jedenfalls. Einmal fragte ich sie, ob sie je daran gedacht habe, sich umoperieren zu lassen. Sie habe schon daran gedacht, sagte sie. Doch Umoperieren, das wäre nur der Austausch des einen Geschlechts durch das andere. Ihr ginge es aber gerade darum, daß sie beides sein wolle, Mann und Frau. “Mein Penis ist in meinem Kopf”, sagte sie. Mein Penis ist in meinem Kopf…

Zu meinem Geburtstag im vorigen Jahr schenkte mir Norioco ein Reisebuch. Tatarstan: Zweifelland an der Wolga von einer flämischen Schriftstellerin. Sie hatte eine Widmung in das Buch geschrieben: Für mein schönes, unstoffliches Zweifelmädchen, das immer eifrig dabei ist, hin und her zu reisen

zum Mond (Darunter: drei Kästchen, die ich ankreuzen konnte.

–         Kosmopolit

–         Egopolit

–         Duopolit

Ich habe die Kästchen nie angekreuzt. Am liebsten lasse ich immer alles so lange wie möglich offen. Wenn ich einen Gang betrete, denke ich immer, ich bin auf dem falschen Weg.

Seinerzeit habe ich Norioco den Vorschlag gemacht, einen Film über unsere Menstruation zu machen. Mein Plan war, soviel Menstruationsblut wie mö glich aufzufangen, um es anschließend mit Wasser und Honig zu mischen. Anschließend wollte ich das Zeugs in eine Plastikform für Wassereis umgießen, in so halbrunde, die wie aufgeschnittene Apfelsinen aussehen. Norioco sagte: “Der Einfall paßt zu dir. Aber ich blute kaum, wenn ich meine Tage habe. Ich kriege niemals genug Blut für ein Wassereis zusammen.”

Ich selbst habe es gemacht. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, meine Gebä rmutter ist immer noch ein nasser, roter Monsun. Mit der Kamera habe ich meine Handlungen festgehalten, bis hin zum Essen des Wassereises. Ich hatte das Gefühl, als ginge zu meiner eigenen Messe, als lüde mich selbst zum letzten Abendmahl ein. Alles fake. Es schmeckte nicht. Schlieren von getrocknetem Blut blieben an meinem Gaumen kleben. Zwei Eis hatte ich für Norioco verwahrt, doch die bitch kam nicht.

Bin froh, daß die Leute meine letzten Mails offenbar nicht bekommen haben – die waren mit blutendem, geschwächten Geist geschrieben, von Kopf bis Fuß chthonischer Natur (sag doch, wird jetzt doch noch gut enden mit diesem Mädchen, das nie Frau zu werden gedachte?) … (eine Frau mit ihrem typischen Drang; chthonia eterna; es wurde Zeit … für ein Mädchen genannt nach dem Mond. Offenbar gibt es wirklich kein Entkommen. Auch wenn ich kids and everything that goes with it hasse.)

Norio, mail me. Please: lunablissful@excite.net

Es sieht fast so aus, als hätte ich außer Norio keine Freundin mehr, die nicht schwanger ist. Das sind die Jahre der Unterscheidung. Verabredungen sind einzig und allein noch ochenbettvisiten. Nie sind sie allein, meine dearest ladies ; immer ist dieses Sekret da und saugt an ihren Brustwarzen. Aha, denke ich dann, das ist es, was du eigentlich willst! Einen Säugling, der dich total anbetet, ein schlaffes Sekret, über das du die absolute Kontrolle hast, dessen Los in deinen Händen liegt, das lebt, Dank deiner Brüste.

Heute war es Marylin, die bei meinem Eintreten dabei war, die Fenster des kleinen Schlosses im Wald zu putzen, wo sie bei reichen Freunden Zuflucht gefunden haben, die sich selbst ohne Ironie “Kunstsponsoren” nennen. Eine perfekte Hausfrau, Marilyn.

Es gehe ihr nicht gut, sagte sie putzend. Sie kletterte auf die Fensterbank, wischte das gekippte Fenster. “Fall nicht raus!” rief ich. Ihr Elflein schlief. “Jetzt muß ich alles erledigen, wenn sie schlä ft”, sagte Marilyn. Prima. Brauchte ich mir das Gespenst nicht anzusehen. Zum Glück fragte sie mich nicht, ob ich ihr Kindchen in der Wiege sehen wolle. Ich fragte, ob sie nach der Geburt noch irgendwelche Probleme habe. Sie bejahte. “Muskelschmerzen.” “Wo?” “Überall. Mein Körper muß sich immer noch erholen.” “Ach”, nickte ich ohne Mitleid. “Nur unser Sexleben ist jetzt etwas mühsam”, sagte Marilyn. “Wir müssen immer ganz vorsichtig sein. Mein Vagina ist traumatisiert.” Meine Vagina ist traumatisiert. Ich beiße mir auf die Zunge.

Marilyn taucht das Leder und den Schwamm in den Eimer mit heißem Wasser. Sie wringt sie aus. “Diese Fenster sind schon seit Jahren nicht mehr geputzt worden”, sagt sie. “Traumatisiert?” frage ich, auf das Sexleben meiner Freundin zurü ;ckkommend, die seit einigen Wochen Mutter ist. Mit meinem Sexleben ist auch nicht viel los, praktisch gleich Null. Aber meine Vagina ist nicht traumatisiert. Es juckt da unten genauso stark, wie es von innen weh tut. “Das war einfach ein bißchen zuviel, da unten”, sagt Marilyn. “Die haben mich geschnitten und anschließend wieder zugenäht. Beim Sex zieht sich alles zusammen, eine Schreckreaktion.”

Schließlich heuchele ich dann doch Mitleid. Schaumwasser. “Ich darf gar nicht dran denken, was für Schmerzen du während der Geburt gehabt haben mußt.”

“Ich hatte Glück. Bei mir dauerte die Geburt nur zwei Stunden. Außerdem bist du total stoned, wenn es so weit ist. Der Körper produziert Morphium und auch Endokrine.”

Soll ich von meiner Mutter erzählen, von ihrem ersten Baby, das sie zwei Wochen über die Zeit in ihrem Bauch herumtrug, das nicht herauskommen wollte und mit einer Vakuumpumpe herausgesogen werden mußte, wie sie vor Schmerzen geschrien hat, und davon, daß das Baby drei Tagen danach dann doch starb, was für Schmerzen sie monatelang hatte, und daß sie nicht mehr sitzen konnte, und daß es sich – wenn sie davon erzählte – so anhörte, als würde sie mir vorwerfen, daß ihr erstes Kind ihr entglitten war? Ich schweige darüber.

Ich fahrw fort, Abschied nehmend. Beim dritten Kuß erzähl ich ihr davon, von dem Gewebe.

Es scheint nicht zu Marilyn durchzudringen.

“Viel Erfolg”, wünscht sie mir an der Tür. Viel Erfolg.

Auch der Rest der Mädels hat immer seine Mamageschichten bei der Hand. Ich bleibe die unfruchtbare, leergeschabte Mülltonne. Lisektion per Kolposkop. Sie werden mein Desinteresse für Kinder für den Rest meines Lebens (ein Restchen doch zumindest) als Neid abtun. Eifersucht.

Norioco leidet an “vaginalem Heuschnupfen”, wie sie mir nebenbei in einer Mail berichtete. Frühjahrsekzem in ihrer Muschi (und das Ende Februar). Währenddessen schickt sie mir weiterhin masochistische Manga-Hefte. Seh ich Gespenster, bin ich auf alles das unten fixiert?The womb thing …

Norioco redet über “die ultimative Entkörperung”, um später zur “ultimativen Körperlichkeit” gelangen zu können. Sie hat gut reden, dieses faltenlose Buddhamädchen mit ihrem zeitweiligen innerlichen Ekzem. Ich tippe die Wörter in mein elektronisches Tagebuch: Meine Siamkatze miaut schon seit Wochen. Sie jammert vor Schmerz und vor Erbarmen. Um meinetwillen.

Wir haben die maximale Kapazität unseres Hirns erreicht. Das stand diesen Monat im New Scientist . Mein Bruder hat den Artikel ausgeschnitten und auf die Leuchtfläche gelegt. “Daraus müssen wir etwas machen”, sagte er, “das hab’ ich im Urin.”

Ich verpaßte ihm einen Tritt. “Paß auf, was du sagst”, sagte ich. Doch wahrscheinlich hat er nicht Unrecht. Das Gehirn kann nicht noch mehr Informationen verarbeiten. Noch mehr Druck würde das Gleichgewicht zwischen der Menge und der Größe der Neuronen (Hirnzellen) und den Blutgefäßen, die sie versorgen, stören. Die länglich Ausläufer der Neuronen müßten auch breiter werden, um noch mehr Daten rasch zu transportieren. Das ist praktisch unmöglich, weil der verfügbare Raum zu klein ist. Wir sind an die Decke unseres Schädels gestoßen. Zwei Möglichkeiten: entweder wir explodieren, unser Kö ;pfchen in Scherben, wir laufen heiß, total verrückt von all dem Gegrübel, wir laufen über, oder: Es gelingt uns zu fliehen, in die Fiberglaskabel, in den Raum, losgelöst, frei.

Ich bin für letzteres.

Brüderchen kann sich vorstellen, eine Serie mit am Computer bearbeiteten Scans von Tumorpatienten zu machen. Die ganzen Fleckchen im Hirn könnten wir zu bizarrster Größe aufblasen. Mindblowing. Ein Symbol für den immer größer werdenden Druck auf unsere Hirnschale. Bruder – der evil doctor – erzählt mir von Astrozytomen, Krebszellen mit der Form eines Sterns. Die Spitzen des Sterns brechen ab und vervielfältigen sich, ein Stern nach dem anderen, bis ein ganzes Netz von Sternen in deinem Hirn gesponnen ist. Bis der Kopf zu klein geworden ist.

Sind wir Astrozytome, Krebszellen?

“Schade,” sagt Bruder, ” daß auf den Fotos aus dem Krankenhaus nur deine Möse zu sehen ist, und nicht dein Gehirn. Sonst hätten wir hervorragend daran anknüpfen können. Ich kenne mindestens zehn Galerien, die sich so was gleich schnappen und damit wegrennen würden .”

“Let them run, brother”, sage ich.

Sonntag ist Familientag, steht in meinem Planer. Ich habe für meinen Bruder gebügelt. “Nennst du das Bügeln?” sagt er. ” Dann kann ich’s genauso gut selbst machen.”

Anruf bekommen. Mutter am Apparat. Sie vermißt ihre Arbeit, sie vermißt ihren Mann. Sie bittet mich, rasch nach Hause zu kommen. Mein Bruder kommt auch rasch, das hat er versprochen. Ganz nebenbei erzähle ich davon. Mein Mutter heult leise. “Mach’s gut, ja!” sage ich zum Abschluß unseres Gesprächs. Das sagt sie gewöhnlich zu ihren Eltern.

Gespräch mit Joep geführt (zeitgenössischer Künstler, mit dem ich zusammen ein Jahr auf die Rietveld gegangen bin; er bezeichnet mich als seine “Kollegin”). “Und, wie läuft das Geschäft?” “Geht ab wie Zäpfchen, natürlich.” Joep: “Ich lasse mich zur Zeit vor allem von Toten inspirieren. Leichen sind am coolsten. Definitely eternally cool, weißt du … Lachst du eigentlich nie?” Definitely eternally never.

“Was ich damit sagen will, ist, daß ich mich von der Vergangenheit inspirieren lasse. Die Künstler von damals sind auch die Künstler von später. Nimm zum Beispiel Hieronymus Bosch; ein Sampler avant-la-lettre. Er machte aus Visionen, Träumen und Abbildungen seiner wirklichen Umgebung Collagen. Ich wette, er kaute Mushrooms in seinem Atelier – Berge von halluzinogenen Pilzen. Sein Werk ist hyper-surrealistisch. Er kümmerte sich nicht um Proportionen, und darum ist es noch immer lebendig. Proportionen ändern sich mit der Zeit, und die Gemälde von Bosch beinhalten einen Mix aus allerlei Dimensionen. Seine Bilder sind immer noch aktuell.” Frage: Ist das, was cool ist, auch aktuell – oder verhält es sich anders herum? Frage: Aber was machst du jetzt eigentlich, Joep?

“Ich mache mit alten Spielzeugkameras starre Filmbilder von synthetischen Landschaften. Und du?”

“O, ich denk mir zusammen mit meinem Bruder weirde storieboards aus, verstehst du. Real Audio, im Netz.”

“Wovon handeln diese Shows?”

“Von allem Möglichen. Hauptsache das Ganze ist nicht zu irdisch. Aliens treffen zwei Space-Agenten, die sich auf einer Forschungsmission nach einer außerirdischen Zivilisation befinden, die Kontakt zur Erde aufgenommen hat. Cybermagier, Sex mit außerirdischen Wesen. Gnome von outer space.”

“Ich hab den Eindruck, daß viele Frauen von Zwergen sexuell erregt werden.”

“Eher als von Riesen.” Joep wird rot, als ich das sage. Er ist zwei Meter groß.

Hinterher waren wir betrunken. Joep und ich. Es ist eine Ewigkeit her, daß ich betrunken war. Vielleicht war ich es nie wirklich. Wurde ich in einer anderen Zeit geboren? Gott, wie sah meine Jugend doch auch gleich wieder aus? Ohne Computer, PC’ s, Fax. Wir hatten zu Hause nicht einmal einen Anrufbeantworter! Ein Telefon mit so einer hoffnungslos langsamen Wählscheibe… Ich erinnere mich nicht mehr genau … Meine Jugend muß ein böser Traum gewesen sein, eine schaudererregende Erinnerung: ein Lada, ein Haus aus Ziegeln, der Geschmack von angebranntem Toast, meine Hände voll Tinte, ein Poster von John Travolta und Olivia Newton John. Grease Lightning.

Auf der Straße das Geräusch von kreischenden Bremsen. Wir, Brü derchen und ich, schauen von unseren Computern auf. Ein Autofahrer hat voll auf die Bremse getreten, vor einer Straßenbahn, wie sich herausstellt. Die ganze Motorhaube ist zerknittert. Jammern des Beifahrers, der in dem Wrack eingeklemmt ist. “Dieses Geräusch, dieses Geräusch”, sagt mein Bruder entzückt, “dieses Geräusch müssen wir samplen!”

Ich träume von interaktivem Fernsehen mit fünfhundert Kanälen. In Wirklichkeit träume ich nicht davon, aber ich tu so, als träumte ich davon. (Jeder Besucher unserer Website wird erfahren, was mein Bruder und ich träumen. Ask me my dream, and I’ll tell you my lies.)

Wer hat meine Träume gestohlen?

Ich habe schon seit Jahren nicht mehr geträumt. Gibt es jemand anderen, der meine Träume träumt, an meiner Stelle? Vorsichtshalber lese ich die Traumdeutung von Freud im Internet, klick-klick, ich klicke ein paar Blöcke über träumen.alt.nl an, träume vor meinem blauen Bildschirm. Nach drei Stunden gebe ich es auf. Nicht schlauer. No more dreams.

Habe mich einer Haarbehandlung unterzogen – kein Aas wird es bemerken. Me, the ultra mega light blond, polycolored girl.

–          etwas hellere Farbe (Polycolour, ultra mega light blond 32995tsd.  Cheked it out im Sample-Katalog in der Drogerie.

–           besonders voller (großer) Löffel mit flüssigem Wasserstoffperoxyd

–          eine Silbershampoo Spülung, um den zu gelben/gelblichen Glanz zu entfernen

–          viel Wachs (wax) und flüssiger Schaum

–          Föhnen, Haare trocknen – nicht zu lang; zum Teil naß-trocken, um das beste Resultat zu erzielen.

Ich frage mich nicht einmal, ob das überhaupt noch Sinn hat, wegen der möglicherweise anstehenden Chemotherapie oder Bestrahlung.Dann kann ich mir immer noch eine ultra light blond, polycolored Perücke kaufen.

Kein Aas wird das bemerken.

Das Atelier steht voller Modelle aus Pappe oder Holz. Ich habe angefangen, Entwürfe zu machen, versuche herauszufinden, ob ich Raum in Klang/Farbe/Musik wiedergeben kann. Ob Gerüche auch mit Hilfe von Pixeln und Bites ausgesandt werden können.

Irgendwann werden wir alle nur noch Klang sein, sagt Bruder. Das ist die Lösung. Geräusch. Etwas, das früher einmal Musik genannt wurde.

Ich werde nie das Alter erreichen, das ich mir vorgestellt habe. Ebensowenig das Alter, das bereits jetzt in meinem Paß steht. (Bin ich das? Dieses Foto, der Name, das Geburtsdatum, diese Nummer. Sind wir so alt, wie wir wirklich sind?)

Bis hierhin habe ich es gebracht. Bis dreißig, beinah.

Norioco wird bei mir bleiben, hat sie gesagt. Sie kam auf die Idee, mich zu trösten. “Ich will keinen Trost”, sagte ich. “Das kommt schon noch”, sagte sie.

Sie seufzt einen ihrer Allgemeinplätze, den ich auf der Stelle zu vergessen wünsche. Sie schmiert Salbe in ihre Möse. Ich in meine. Zwei geile Patientinnen, die mit ihrer Weiblichkeit herumstümpern.

“Der Tod ist bestimmt nicht schlechter als das Leben”, sagt Norioco, während sie mich streichelt. (Ich denke: Woher will sie das wissen?) Sie hält meine Hand. Trost, also doch.  Ich frage sie, ob sie mich je betrogen hat, ohne daß ich davon weiß . Sie sagt: “Das brauchst du nicht zu wissen.”

Ich frage, ob wir Vollmond haben (die Worte schmecken bitter in meinem trocknen Mund). Norioco schüttelt den Kopf. “Fast”, sagt sie, ohne aus dem Fenster zu sehen. Ich denke: Warum hat sie immer Recht, diese kalte bitch? Warum weiß sie immer alles besser?

Sie streichelt mich weiterhin. Trost. Also doch. Wenn sie es sagt, dann stimmt es. Der Tod ist bestimmt nicht schlechter als das Leben.

—————————————–

© Originaltext: Serge van Duijnhoven Brüssel 2011

Verlag: Nieuw Amsterdam, Amsterdam NL

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens

Verlag: Nieuw Amsterdam, Amsterdam Niederlaende

Nieuw Amsterdam
Jan Luykenstraat 16
1071 CN Amsterdam

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